Einige Worte zum Geleit

Hervorgehoben

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 zuletzt geändert: 25.01.2014

Maschinen

Jahrtausende überlebten die Menschen als Jäger und Sammler beziehungsweise als Ackerbauern und Viehzüchter, also von und mit der Natur. Und dann, in einem Zeitraum von nicht einmal hundert Jahren wurde alles anders. Maschinen bestimmten jetzt den  Lebensrythmus. Immer mehr Menschen zogen in die Städte und entfernten sich von ihren natürlichen Lebensgrundlagen. Der Transport von Personen, Gütern und Informationen beschleunigte sich in ungeahnten Dimensionen. Rechte und Pflichten, Reichtum und Macht veränderten sich und wurden grundlegend umverteilt. Man vermag sich kaum vorzustellen, wie die Menschen diesen Umbruch erlebten. Ihr tradiertes Weltbild, ihre Vorstellungen vom Leben, ihre Werte und das, was sie als gesichertes Wissen verstanden, alles geriet in der Zeitspanne eines Lebens unter die Räder. Für die einen mag diese Entwicklung gleichbedeutend mit dem Untergang des Abendlandes gewesen sein, für die anderen wurde Fortschritt zum verheißungsvollen Mantra. Die meisten hatten allerdings genug damit zu tun, irgendwie zurecht zu kommen.

Meine Uroma, 1882 geboren, lebte als junge Frau alleinstehend mit einem Kind in einer märkischen Kleinstadt. Sie ging mit einem Handwagen über die Dörfer und verkaufte frisch gepresstes Leinöl, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Ihre Wohnung bestand aus einem kleinen Zimmer und einer noch kleineren Küche. Gekocht wurde auf einem Ofen. Das Abort befand sich auf dem Hof, Wasser musste von einer Pumpe auf der Straße geholt werden. Für die Beleuchtung wurden Kerzen und eine Ölfunzel genutzt. Als sie 1968 starb hatten wir Radios, einen Fernseher und ein Telefon. Autos machten die Straßen unsicher, elektrische Beleuchtung war längst selbstverständlich. Mehrmals am Tag klirrten die Scheiben, weil ein Düsenjet die Schallmauer durchbrach. Sogar ins All waren Menschen geschossen worden. Maschinen gab es aber nicht nur in den Fabriken und für den Transport sondern zunehmend auch in den Haushalten. Sie machten das Leben der Frauen etwas leichter.

In der Zeit dazwischen hatte meine Uroma mit dem Kaiserreich, der Weimarer Republik, dem Faschismus und dem Sozialismus vier politische System er- und zwei Weltkriege überlebt. Die Inflation nach dem ersten großen Krieg fraß ihre Ersparnisse auf, die Weltwirtschaftskrise verschlimmerte die Not und ständig wechselnde Regierungen ließen kaum Raum für Hoffnung. Dann betrat ein Heilsbringer, der Ordnung und Wohlstand versprach, die politische Bühne. Was er brachte, waren jedoch Verfolgungen und ein weiterer Krieg, der noch grausiger werden sollte als der vorangegangene. Dem Krieg folgten Hunger, Ströme von Flüchtlingen, die Teilung des Landes, Besatzungsmächte und ein neues Heilsversprechen. Blickt man auf die Stürme, die dieses Lebens prägten, dann erscheinen mir die Veränderungen unserer Zeit wie ein laues Lüftchen.

Die erster Vorboten der großen Veränderungen kamen aus England. Dort waren früh die Weichen in Richtung Förderung von Handwerk und Gewerbe gestellt worden. Besonders die Textilbranche hatte sich stark entwickelt. Feines englisches Tuch war zu einem Exportschlager geworden. Es konnte gar nicht genug Schafswolle produziert werden, um die Nachfrage zu stillen. Baumwolle, die aus den Kolonien ins Land kam, eröffnete eine Alternative, mit der die Materialknappheit überwunden werden sollte. Doch schon bald taten sich neue Probleme auf, denn die Produktivität der Spinnerinnen, die die Baumwolle zu Garn verspannen, war einfach zu gering. Vielleicht war es ja möglich, Kräfte aus der Natur einzusetzen, um die Spinnerinnen zu unterstützen oder sie sogar ganz zu ersetzen. Als solche Kräfte kamen Wasser und Wind in Frage. Da der Spinnprozess kontinuierlich ablaufen muss, blieb letztlich nur die Wasserkraft als erfolgversprechende Option übrig. Sie wurde dann auch in einer ersten Spinnfabrik, die 1770 ihre Produktion aufnahm, als Antriebskraft eingesetzt. Menschen wurden in dieser Fabrik nur noch für Hilfs- und Kontrollaufgaben benötigt. Bereits nach zwanzig Jahre gab es 200 derartiger Fabriken, deren Produktivität rund 30 mal höher war als die der Spinnerinen.

Wasserkraft ist ortsgebunden und nicht überall verfügbar. Ihr Einsatz als Antriebskraft war daher nur begrenzt möglich. Energie wird aber nicht nur durch Wasser und Wind erzeugt, auch bei Verbrennungsprozessen wird Energie in Form erhitzter Gase frei. Diese Prozesse haben zudem den Vorteil, dass sie im Prinzip überall ablaufen können. Sie waren also sowohl stationär, an jedem beliebigen Ort, als auch mobil einsetzbar. Dieses Prinzip nutzend, kamen ab 1777 die ersten Dampfmaschinen auf dem Markt, ab 1804 die ersten Eisenbahnen. Zwischendurch hatten sich in Folge der französischen Revolution sowohl in Europa als auch in Nordamerika weitreichende gesellschaftliche Veränderungen vollzogen. Mit ihnen wurden Kräfte freigesetzt, die dem Fortschritt neuen Schwung verliehen. Von besonderer Bedeutung für die weitere Entwicklung der Technik erwies sich die Massenproduktion von hochwertigem Stahl, die ab 1855 einsetzte. Stahl wurde zum Werkstoff der Industrialisierung. Bald waren Maschinen nicht nur in Fabriken sondern beinahe überall zu finden. Sie revolutionierten den Transport zu Wasser, zu Lande und später auch durch die Luft.

Mit der Industrialisierung wuchsen die Städte. Möglich wurde dies, weil die Produktivität der Landwirtschaft deutlich gestiegen war. Die wachsenden Erträge schufen die Basis für die Ernährung einer zunehmenden Zahl von Menschen, die vor allem in den Städten Heimstatt finden mussten. Auf diese Weise geriet die Landbevölkerung in den fortgeschrittenen Ländern zum Ende des 19. Jahrhunderts erstmals in die Minderheit. Der Pulsschlag des gesellschaftlichen Lebens hatte sich endgültig in die Städte verlagert. Dort spielte die Musik, aber nicht für alle, denn die Menschen waren lediglich austauschbare Anhängsel der Maschinen, ein Kostenfaktor, der möglichst gering gehalten werden sollte. Bei Verschleiß dieses Produktionsfaktors stand zudem eine Armee von Nachrückern bereit. Kinder waren besonders beliebt, da sie sich als Diener der Maschinen behende, fügsam und kostengünstig erwiesen. Das Licht des technischen Fortschritts warf grausige Schatten, gegen die sich bald starker Widerstand regte. Sozial motivierte Kämpfe entbrannten, erst spontan, dann zunehmend organisiert. Parteien, die den Kampf für die Rechte der Arbeiter und ihrer Familien auf ihre Fahnen schrieben, sollten bald großen Zulauf erhalten.

Manche Städte wuchsen so rasant, dass ihre Infrastruktur völlig neu konzipiert und ausgebaut werden musste. Rücksicht auf Wohngebiete der ärmeren Bevölkerung wurde dabei nicht genommen, zumal der Wert der innerstädtischen Grundstücke rasant zulegte. Nicht nur die Preise, auch die Häuser selbst schossen in die Höhe. Wolkenkratzer mit Fahrstühlen entstanden. Aber nicht nur nach oben, auch nach unten wurde gebaut. Untergrundbahnen waren der neueste Schrei. Und dann kam auch noch Licht in das Dunkel. Man hatte schon länger mit Elektrizität experimentiert und 1799 eine erste Batterie vorgestellt. Nun, hundert Jahre später, war es soweit, dass Häuser und Straßen mit elektrischem Strom illuminiert werden konnten. Erst wenige, dann immer mehr – bis Strom aus der Steckdose überall das Leben bereicherte, vorausgesetzt man konnte sich ihn leisten. Die Segnungen der Industrialisierung erreichten nun immer stärker die Massen, viel zu langsam, für die, die darauf warteten, im Rückblick gesehen, jedoch in einem geradezu atemberaubenden Tempo.

Die Industrieproduktion wurde zur treibenden Kraft des Wirtschaftslebens. Unternehmer, lange Zeit als Neureiche belächelt, bildeten die neue Oberschicht, die nach immer mehr Einfluss gierte, nicht zuletzt, weil sich ein bis dahin ungekanntes Problem aufgetan hatte. Durch den Einsatz der Maschinen war die Produktion zunehmend planbar geworden, das heißt, man konnte sie beinahe beliebig ausdehnen. Dem stand entgegen, dass die Märkte, die diese Produkte aufnehmen sollten, unberechenbar blieben. Wollte man hier höhere Planbarkeit erreichen, mussten Konkurrenten ausgeschaltet und ganze Fertigungsketten in einer Hand vereinigt werden. Nur ein monopolisierter Markt würde steuerbar sein. Für die Erreichung dieses Ziels war jedes Mittel recht, jedenfalls dachten das einige Magnaten in den USA, deren Treiben auch dadurch begünstigt wurde, dass Grenzen setzende Regeln fehlten. Erst verheerende Krisen verhalfen zur Einsicht, dass die ungezügelte Gier des Kapitals nach Profit nicht automatisch Wohlstand und Fortschritt hervorbringen.

Dass Wirtschaftsgiganten überhaupt entstehen konnten, war nicht nur dem Fortschritt in der Produktion und den Visionen einzelner Unternehmer zu danken, für die Führung großer und territorial verzweigter Unternehmen brauchte man auch entsprechende Möglichkeiten zur Kommunikation. Sie mussten einen schnellen Austausch von Informationen über weite Entfernungen ermöglichen. Mit dem Telegraphen und später mit dem Telefon entstanden derartige Kommunikationskanäle. Sie eröffneten nicht nur den Unternehmen neue Möglichkeiten, sie schufen auch die Voraussetzung für die Beherrschung komplexer Infrastruktursysteme. So wäre das Management eines Eisenbahnnetzes ohne die technische Signalübertragung nicht  denkbar. Die schnelle Informationsübermittlung führte auch auf anderen Gebieten zu neuen Entwicklungen. Sie machte zum Beispiel eine zentral gesteuerte Führung großer und mit ihren Maschinen schnell operierender Armeen möglich. Aber nicht nur die Armeeführungen wurden schnell informiert, auch der Öffentlichkeit konnten nun Nachrichten über die tatsächliche Lage an den Fronten zugänglich gemacht werden. Zeitungen und andere Medien etablierten sich als vierte Gewalt im Ringen um politische Weichenstellungen.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ist noch eine weitere Veränderung zu vermelden, deren Konsequenzen erst nach und nach in voller Tragweite erkennbar wurden. Der Austausch von Waren hatte sich bisher direkt, das heißt Produkt gegen Produkt, oder mit Hilfe einer allgemein als Äquivalent akzeptierten Geldware vollzogen. Als Geldwaren wurden vor allem Edelmetalle, wie Gold und Silber, akzeptiert. Sie konzentrieren einen hohen Wert in einem geringen Volumen, was sie relativ leicht händelbar macht. Außerdem sind Edelmetalle beliebig teilbar und als Material sehr beständig. Ihr Nachteil bestand darin, dass sie nur begrenzt zur Verfügung standen und deshalb für den massenhaften Austausch von Produkten wenig geeignet waren. Außerdem würde es einen unakzeptablen Aufwand verursachen, müsste man große Mengen von Gold und Silber ständig hin und her transportieren. Dieses Problem war allerdings nicht neu, es begleitete den Warenaustausch von jeher. Im Laufe der Zeit hatten sich daher verschiedene Wege zur einfacheren Abwicklung von Geschäften herausgebildet. Man konnte zum Beispiel Forderungen und Verbindlichkeiten von Klienten buchseitig verrechnen, ohne dass Geldware bewegt werden musste. Man konnte auch einen Schuldtitel gegen das eigene Vermögen oder gegen Guthaben bei Dritten ausstellen und diese zur Bezahlung einsetzen. Voraussetzung für derartige Transaktionen war, dass der verrechnenden Stelle und dem Schuldner Vertrauen entgegengebracht wurde, denn man verzichtete ja für den Moment auf die Begleichung einer Forderung, um sie zu einem späteren Zeitpunkt, vielleicht auch an einem anderen Ort, geltend zu machen. Solches Vertrauen genossen vor allem Banken, die die Abwicklung von Geldgeschäften zu ihrem Metier gemacht hatten. Schuldtitel waren anfangs individuell, auf einen Gläubiger oder eine bestimmte Gruppe von Gläubigern ausgestellt. Später ging man dazu über universelle, das heißt vom Staat autorisierte Schuldtitel, das heißt Papiergeld, in Umlauf zu bringen. Charakteristisch für dieses Papiergeld war jedoch, dass es als Stellvertreter der Geldware fungierte, das heißt, sein Eintausch gegen Gold wurde garantiert. Insofern war das Gold weiterhin, wenn auch nur indirekt, an den Transaktionen beteiligt.

Das Versprechen, Schuldtitel jederzeit in Gold eintauschen zu können, wurde in Zeiten der Massenproduktion und des massenhaften Austausches von Gütern jedoch zu einer Gefahr, da zwangsläufig weit mehr Papiergeld umlief, als Goldreserven vorhanden waren. Sollten die Verkäufer durch irgendwelche Ereignisse verunsichert werden, das heißt, ihr Vertrauen in die Eintauschbarkeit ihrer Scheine gegen Gold verlieren, würden sie ihre Forderungen sofort fällig stellen und das versprochene Gold einfordern. In einem solchen Fall wären die Banken oder staatlichen Institutionen, die diese Schuldscheine herausgegeben hatten, nicht in der Lage, ihr Versprechen einzulösen. Eine solche Situation würde zum Kollaps der Märkte und letztlich der gesamten Wirtschaft mit unübersehbaren politischen Folgen führen. Man konnte dieser Gefahr nur entgehen, wenn man die Garantie der Eintauschbarkeit gegen Gold aufgab. Durch die Aufgabe des Goldstandards nahm das Gold nicht mehr, auch nicht indirekt, am Warenaustausch teil. Das vorhandene Geld war keine Ware mehr, nur noch bedrucktes Papier, das in Form von Geldscheinen oder Guthaben in Bankbüchern daherkam. Das mit dem Geld verbundene Versprechen beschränkte sich nun darauf, dass die Gesellschaft die Forderungen, die mit diesem Geld dokumentiert wurden, anerkennen würde und gegen Verbindlichkeiten, die aus dem Erwerb beliebiger anderer Waren resutierten, verrechnete. Insofern wurde jeder, der Papiergeld als Zahlungsmittel akzeptierte, zum Kreditgeber, im Vertrauen darauf, diesen Kredit jederzeit in Waren verwandeln zu können. Dass solches Vertrauen auch missbraucht werden kann, zum Beispiel weil mehr Kreditgeld ausgegeben wird, als Waren verfügbar sind, wurde zur bitteren Erfahrung vieler kleiner Leute, denen die Hydra einer galoppierenden Inflation die Ersparnisse raubte.

Die Industrialisierung bewirkte in den fortgeschrittenen Ländern Europas und in Nordamerika Veränderungen in allen Lebensbereichen. Sie wurde zum Gradmesser des gesellschaftlichen Fortschritts und zur Basis für Macht und Einfluss eines Landes. Wohl und Wehe der Unternehmen wurden deshalb zu wichtigen Anliegen des Staates. Für das Funktionieren einer properierenden Wirtschaft war zum Beispiel eine entsprechende Infrastruktur erforderlich, für deren Bereitstellung und Regulierung der Staat Verantwortung übernehmen musste, zumal nicht nur die Unternehmen sondern auch die Städte zu versorgen waren. Mit der aufkommen Massenproduktion brauchten immer mehr Unternehmen auch die privaten Haushalte als Abnehmer. Dort konnten sie aber nur Absatz finden, wenn die drückenden sozialen Probleme in Angriff genommen wurden. Das erforderte ebenfalls das Eingreifen des Staates, denn Unternehmen wollen zwar Umsatz machen, sie werden aber nicht freiwillig auf Profit verzichten. Gleichzeitig hatten die Krisen gezeigt, dass Regeln geschaffen und durchgesetzt werden mussten, die die Initiative der Unternehmen in geordnete Bahnen lenkten. Das heißt, der Staat und seine Institutionen waren mit neuen Aufgaben zur Schaffung von Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches wirtschaftliches und soziales Voranschreiten konfrontiert.

In dem atemberaubenden Tempo, in dem die Industrialisierung voranschritt, veränderten sich auch die Gewichte der Staaten im globalen Machtgefüge. Die Europäer hatten in der Vergangenheit die Welt unter sich aufgeteilt, wobei Großbritannien letzten Endes das größte Stück zugefallen war. Die Zeit der tausendjährigen Reiche war jedoch längst vorbei und das Britische Empire begann schon bald wieder zu zerbröseln. Neue Spieler, wie Deutschland und die Vereinigten Staaten von Amerika, warfen ihre wachsende wirtschaftliche Potenz in die Waagschale, um im Kampf um Rofstoffe und Märkte bessere Ausgangsbedingungen zu erlangen. Das bestehende politische System zur Regelung der internationalen Beziehungen war jedoch auf derart dynamische Veränderungen nicht vorbereitet. Es verharrte noch in einer Epoche, da der Hochadel staatliche Bündnisse ausgehandelt und mit familiären Beziehungen untersetzt hatte. Dessen oft von Eitelkeiten gelenkte Politik führte Europa letztlich in einen Krieg, der am Ende ein Weltkrieg war. Er wurde mit den Errungenschaften der Industrie, mit Maschinen und Giftgasen, geführt und kostete Millionen von Menschen das Leben. Da der Krieg auch im Stile der vergangenen Epoche, mit territorialen Veränderungen und Demütigungen, beendet wurde, geriet er zum Ausgangspunkt der nachfolgenden Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Immerhin, es war die letzte Schlacht des Adels, der mit dem Ende des Krieges endgültig im Orkus der Geschichte versank. In Russland wollten einige Revolutionäre neben dem Adel auch gleich noch den Kapitalismus abschaffen, was dazu führte, dass das Land im Bürgerkrieg versank bis eine blutige Diktatur Ordnung schuf. Diese Ordnung wurde, da sie private Initiativen nur als chaotisches Moment verstand, bald zum Hemmschuh der Entwicklung.

All diese Katastrophen konnten den weiteren technischen Fortschritt nicht verhindern. Maschinen zogen immer stärker in das Leben der Menschen ein. Sie ersetzten seine Arbeitskraft in der Industrie, in der Landwirtschaft und zunehmend auch im Dienstleistungsbereich. Maschinen eroberten die Haushalte und sie veränderten die Kommunikation der Menschen untereinander. Immer mehr wurde und wird die Welt vernetzt. Die internationale Arbeitsteilung und die Kooperation über Ländergrenzen hinweg nehmen zu. Dieser im globalen Maßstab mit großer Dynamik ablaufende Prozesses ist von zunehmenden Ungleichgewichten der Entwicklung begleitet, die zum Ausgangspunkt für Konflikte, Kriege und Terror werden. Eine weltweite Entwicklungs- und Sozialpolitik wird immer dringender, ist aber bislang nur rudimentär zu erkennen. Wahrscheinlich bedarf es erst wieder schwerwiegender Krisen, bis Lösungen ernsthaft angegangen werden.

zuletzt geändert: 19.11.2017

Quellen

GEO Epoche Kollektion Nr. 7, Die Industrielle Revolution

GEO Epoche Nr.8, Das alte China

Quelle Bild: www.Lehrerfreund.de

 

Aufbruch

Das römische Reich, genauer das weströmische Reich, war unter dem Ansturm germanischer Stämme untergegangen. Kaiser Konstantin hatte schon vorher das strategisch günstiger gelegene Byzanz zur Hauptstadt des Reiches gemacht. Außerdem forcierte er Reformen und er förderte das Christentum, das in der Folgezeit zur Staatsreligion aufstieg. Das aus dieser Entwicklung hervorgegangene oströmische Reich konnte dank einer starken Zentralmacht, einer effizienten Verwaltung und einem schwunghaften Fernhandel weitere eintausend Jahre bestehen. Byzanz reklamierte nicht nur die Kontinuität des römischen Reiches für sich, es wurde auch zum Bewahrer des wissenschaftlichen und kulturellen Erbes der griechisch-römischen Geschichte. Ohne diesen Hort an Kontinuität wäre der spätere Aufbruch Westeuropas in die vorderen Ränge des Weltentheaters kaum möglich gewesen, denn dort war vieles von diesem Erbe in Vergessenheit geraten. Trotzdem musste auch in Westeuropa das Rad nicht neu erfunden werden. Will heißen, dass man auch dort auf Errungenschaften vergangener Jahrhunderte aufbaute. Außerdem brachten Händler und andere Reisende immer wieder Ideen, Werkstoffe und Erzeugnisse aus fernen Ländern mit, die zur Quelle von Fortschritt wurden.

Im 11. Jahrhundert kam es dort zu folgenschweren Veränderungen im Ackerbau. Die Dreifelderwirtschaft setzte sich durch, der Holzpflug wurde vom Eisenpflug verdrängt und es wurde ein neuartiges Geschirr benutzt, das es ermöglichte, Pferde statt der bis dahin üblichen Ochsen für die Feldarbeit einzusetzen. Mit Hilfe dieser Neuerungen konnten höhere Erträge erzielt werden, die ein beschleunigtes Wachstum der Bevölkerung ermöglichten. Trotz der Ertragssteigerungen blieb die Lage der Bauern jedoch prekär, denn sie waren in eine starke Abhängigkeit von ihren Grundherren, weltlichen wie kirchlichen, geraten. So mussten sie Fronarbeit auf den Äckern und Anwesen der Herren leisten oder diesen einen großen Teil ihrer Ernte abtreten. Dass immer mehr eiserne Flugscharen eingesetzt werden konnten, war Fortschritten bei der Eisenverhüttung zu verdanken, die auch die Herstellung vieler anderer, neuer oder verbesserter, Gebrauchsgegenstände erlaubten. Der Bedarf ab Eisenerz wuchs, auch Kupfer und Silber wurden in wachsendem Maße nachgefragt, zumal sie auch als Zahlungsmittel dienten. Der wirtschaftliche Aufschwung, der mit der verbesserten Eisenverarbeitung und dem prosperierenden Bergbau einherging, ließ neue Gewerke und Berufe entstehen. Von dem sich ebenfalls belebenden Handel profitierten wiederum vor allem die Städte. Die Händler brachten vielfältige Produkte aus fernen Ländern nach Westeuropa – Gewürze aus Indien, Seide, Porzellan und Edelsteine aus China sowie wertvolle Stoffe aus Arabien. Diese Luxusgüter waren bei den Herrschaften bald heiß begehrt. Da nicht jeder von ihnen eine Silbermine sein eigen nannte, pressten sie die hörigen Bauern aus, bis denen kaum mehr das Nötigste zum Überleben blieb.

Mit dem Fernhandel kamen nicht nur Luxusgüter nach Europa sondern auch Ideen und Erfindungen. Insbesondere dem Austausch mit China, das zu jener Zeit auf vielen Gebieten führend war, verdankte Europa so manche Inspiration, sei es das Nutzen der Pferde als Zugtiere oder die Verwendung eines Kompasses zur Navigation auf See. Der Landweg nach China und Indien war jedoch nicht nur lang sondern auch gefährlich. Als Alternative bot sich der Seeweg durch das Mittelmeer an, bei dem man allerdings auf die Dienste von Byzanz angewiesen war, das sich mit dem Fernhandel eine goldene Nase verdiente. Andere Nutznießer dieses Handels waren italienische Städte, wie Pisa, Genua und Venedig, deren Kaufleute zu großem Wohlstand und politischen Einfluss gelangten. Für diese Kaufleute war es daher wichtig, in Konstantinopel vertreten zu sein. Immer mehr italienische Kaufleute ließen sich dort nieder, so dass Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung nicht lange auf sich warten ließen. Und dann kamen auch noch die Kreuzfahrer, die auf ihrem Weg in das gelobte Land, Konstantinopel im Jahre 1204 eroberten und plünderten. Von den wirtschaftlichen und politischen Folgen dieser Heimsuchung sollte sich Byzanz nie wieder ganz erholen. Die unsichere Lage im oströmischen Reich veranlasste Gelehrte und Künstler das Land zu verlassen und in den italienischen Handelsstädten ihr Glück zu suchen. Sie brachten nicht nur ihr eigenes Wissen sondern auch Texte aus der Antike sowie Erkenntnisse arabischer und indischer Gelehrter mit. Dieser Zustrom an Wissen befruchtete die geistige Entwicklung Westeuropas. Er löste unter anderem eine Welle enthusiastischer Suche nach weiteren antiken Quellen aus. Die Beschäftigung mit der latainischen Sprache gehörte bald wieder zum Rüstzeug von Künstlern und Wissenschaftlern.

Die Schiffe, die die Waren aus fernen Ländern brachten, hatten eines Tages auch eine andere, todbringende Fracht an Bord: die Pest. Der scharze Tod, die schlimmste Katastrophe seit Menschengedenken, raffte bereits in einer ersten großen Welle von 1347 bis 1351 rund ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin. Die Pest verschonte auch die Herren, weder weltliche noch geistliche, nicht. Sie waren halt Sterbliche. Aber, wenn diese Herrschaften nicht unantastbar waren, warum sollten es dann die sie begünstigenden Regeln sein, zumal sich diese in Zeiten der Not nicht bewährt hatten? Veränderungen schienen nicht nur dringend, sondern auch möglich zu sein. Vor diesem Hintergrund lösten sich Kunst und Wissenschaften einen Schritt weit von der bis dahin alles beherrschenden Kirche. So besannen sich die Mediziner darauf, nicht nur über altes Wissen zu dozieren, sondern wieder die Natur des Menschen zu erforschen, um ihm wirksam helfen zu können. Nicht ein Leben nach dem Tode sondern das diesseitige Leben rückte in den Mittelpunkt des Denkens.

Die schweren Jahre hatten auch gezeigt, dass eine effiziente Verwaltung in der Lage ist, Krisenzeiten zu managen, selbst dann, wenn der Herrscher versäumte, das Seinige zu tun. Es war also wichtig, die Verwaltungen zu stärken, damit sie für die Gemeinschaft tätig sein konnten. Gleichzeitig verschärften sich jedoch die sozialen Konflikte. Ganze Landstriche waren verwaist, Familien und Dörfer stark dezimiert. Viele der Herren waren trotzdem nicht bereit, irgendwelche Abstriche an ihrem Lebensstandard zuzulassen. Die verbliebenen Bauern sollten nun all die Lasten tragen, die vorher auf breiteren Schultern verteilt waren. Vielerorts wurde die Drangsal so unerträglich, dass die Bauern keinen anderen Ausweg sahen, als sich ihr durch Flucht in eine Stadt zu entziehen. Das war natürlich nicht im Sinne der Herren, schmälerte doch jede Flucht eines Bauern ihren Geldbeutel. So scheuten sie auch vor Gewalt nicht zurück, um die angespannte Lage in den Griff zu bekommen. Falls dies trotzdem nicht gelang, wurde die Staatsmacht zur Hilfe gerufen, die nun ihrerseits die Landflucht verbot. Die Bauern wurden damit vollends zu Sklaven ihrer Scholle respektive ihres Grundherrn. Für einige dieser Herren hatte die Pest auch einen positiven Effekt, denn sie konnten verwaiste Ländereien unter ihre Kontrolle bringen und damit ihren Besitz deutlich vergrößern. Die Konflikte wurden dadurch allerdings nicht gelöst, eher im Gegenteil. Aufruhr und bewaffnete Auseinandersetzungen waren die wiederkehrende Folge.

Die Pest hatte England besonders schwer getroffen, war ihr doch fast die Hälfte der Einwohner zum Opfer gefallen. Die dortigen Grundherren gingen deshalb dazu über, die Schafzucht zu forcieren, nicht zuletzt, weil man für die Weidewirtschaft nur wenige Bedienstete brauchte. Der Staat förderte den Ankauf und die Verarbeitung der Wolle. Außerdem ließ er Straßen, Wasserwege und Häfen ausbauen, damit das hergestellte Tuch schnell und kostengünstig exportiert werden konnte. Die aus dem Handel sprudelnden Zölle sollten bald zu seiner wichtigsten Einnahmequelle werden. Die guten Geschäfte führten allerdings auch dazu, dass Landlords dazu übergingen, die noch verbliebene Landbevölkerung zu vertreiben und sich die Allmenden anzueignen, um mehr Platz für die Ausweitung der Weidewirtschaft zu erhalten. Insgesamt bereiteten die Reformen jedoch den Boden, der den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes ermöglichte.

Egal, welche konkreten Maßnahmen die einzelnen Länder ergriffen, der Staat musste sich fortan stärker in die Regelung der sozialen Beziehungen einbringen. Dabei war es wichtig, einerseits die jeweiligen konkreten Bedingungen zu berücksichtigen, und andererseits die erlassenen Regeln auch durchzusetzen. Das ging nicht ohne die regionalen Herrscher, die dies jedoch sehr eigennützig zur Stärkung ihrer Stellung nutzten. Nicht nur die regionalen Herrscher pochten zunehmend auf Souveränität, auch viele Städte, die durch den Handel zu Reichtum und Wohlstand gelangt waren, forderten mehr Eigenständigkeit. Unter diesen Bedingungen hatte es eine Zentralregierung schwer, ihren Machtanspruch durchzusetzen. Die aus dieser Gemengelage entstehenden Konflikte führten nicht selten zu kriegerischen Auseinandersetzungen, in denen Reichtum und Macht schnell gewonnen aber auch wieder verloren werden konnten.

In diesen unruhigen Zeiten etablierten sich die italienischen Handelsstädte, allen voran Florenz, als Wiege des Fortschritts. Kaufleute und Bankiers konzentrierten große Reichtümer in ihren Händen, wobei ihnen Neuerungen, wie die doppelte Buchführung und die Einführung des Handelswechsels, zugutekamen. Sie verwendeten einen Teil ihres Vermögens darauf, imposante Bauwerke zu errichten, Künstler zu beauftragen und die Wissenschaften zu fördern. Verbunden mit der Wiederbelebung antiken Wissens entwickelte sich auf diese Weise ein Strom von Innovationen, der der gesellschaftlichen Entwicklung Schwung verlieh. Die Baukunst hatte beispielsweise bisher einzig auf den Erfahrungen der Baumeister basiert, die neue Aufgaben nur nach der Methode von Versuch und Irrtum angehen konnten. Jetzt war man in der Lage, statische Berechnungen vorzunehmen, die das Bauen planbar werden ließen. Außerdem wurde die alte Kunst des Kuppelbaus wiederbelebt, so dass beeindruckende Bauwerke entstanden. Die Malerei nutzte verstärkt die Zentralperspektive, um einen räumlichen Eindruck zu erzeugen, und sie rückte den Menschen mit seiner ganzen Körperlichkeit in den Mittelpunkt ihres Schaffens. Das Leben wurde nach der geistigen Bevormundung im Mittelalter und der körperlichen Bedrohung durch die Pest in neuer Weise gefeiert. Es erlebte eine Renaissance.

Großer Verlierer des durch die Pest beförderten Umbruchs war die Kirche. Sie hatte in der Zeit davor das geistige Leben beinahe vollständig beherrscht. Diese Herrschaft wurde nun immer öfter als Bedrückung empfunden. Hinzu kam, dass die Kirchenfürsten, meist Söhne weltlicher Herren, es ihren Brüdern gleichtun wollten. Sie richteten ihr Streben mehr auf die Erweiterung der eigenen Machtfülle und die Entfaltung eines grösst möglichen Luxus als auf das Seelenheil der ihnen Anvertrauten. Gleichzeitig hatten sich viele von ihnen in der Stunde der Bewährung, als der Schwarze Tod unablässig die Sense schwang, als nichtsnutzig erwiesen. Jedenfalls sahen das viele Menschen so. Sie fanden sich zu Laiengruppen zusammen, die unabhängig von der Kirche neue Wege zu Gott suchten. Später begründeten Theologen, wie John Wyclif und Jan Hus, warum es für die christliche Kirche unabdingbar sei, zu ihren spirituellen Wurzeln zurückzufinden. Und schließlich war es die Reformation, die den Einfluss der katholischen Kirche auch faktisch beschränkte.

In gewissem Sinn sind sowohl die Renaissance als auch die Reformation Teil des durch die Pest beschleunigten gesellschaftlichen Umbruchs jener Zeit. Sie haben in ihren Ursachen, aber auch in ihren langfristigen Wirkungen, manches gemeinsam. Gleichzeitig stehen sie sich in den aus ihnen erwachsenden Konsequenzen unversöhnlich gegenüber. Dieser Gegensatz wird im Wirken der Renaissance-Päpste in besonderem Maße deutlich. Diese Herren waren tatkräftige, dem Diesseits verschriebene Machtmenschen und gleichzeitig Förderer von Architektur, Kunst und Technik, zumindest, solange sie ihren Interessen dienten. Gleichzeitig waren sie Herrscher, die ihren Machtanspruch als Territorialfürsten wie auch als Kirchenoberhaupt rigoros durchsetzten. Die Reformation war im Unterschied dazu von egalitären Gedanken getrieben. In ihren Überlegungen hatten Prachtentfaltung und Machtbesessenheit keinen Platz. Die Renaissance-Päpste erschienen ihnen daher als Inkarnation des Bösen. Der daraus erwachsende Konflikt erwies sich als unüberbrückbar. Er führte letztlich zur Spaltung der Kirche und zu einer nicht enden wollenden Reihe von Verfolgungen und Kriegen.

Der Reformationsgedanke hätte wahrscheinlich nie eine so große Strahlkraft erreicht, wenn nicht die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, seine umfassende Verbreitung ermöglicht hätte. Mit dem Buchdruck konnte das jahrhundertealte Monopol der Kirche auf die Bewahrung, Verbreitung, aber auch Unterdrückung, von Wissen gebrochen werden. Überzeugungen, genauso wie Forschungsergebnisse, wurden nun schnell, unter Umgehung jeglicher Zensur, verbreitet. Dadurch war jeder, der des Lesens mächtig war, in der Lage, an den geistigen Auseinandersetzungen der Zeit teilzuhaben. Als ideales Mittel zur Verbreitung neuer Ideen erwiesen sich Flugblätter, ohne die auch die Ideen Luthers kaum derartig brreit die Massen erreicht hätten. Auch wissenschaftliche Arbeiten fanden nun schnellere Verbreitung, was zu einer umfassenden Revidierung des herrschenden Weltbildes beitrug.

Nicht nur in Europa waren die Verhältnisse in Bewegung geraten. Auf der arabischen Seite des Mittelmeers war das Osmanische Reich entstanden, dessen Größe und Macht schnell wuchsen. 1453 gelang den Osmanen mit der Eroberung Konstantinopels der Sprung nach Europa. Sie besetzten den Balkan und sorgten jahrhundertelang in ganz Europa für Unruhe. Sie brachten allerdings auch manche Neuerung mit, die die Kultur Europas bereicherten. Mit der osmanischen Eroberung der arabischen Welt und der Einnahme Konstantinopels wurden jedoch auch die wichtigsten Handelswege nach China und Indien blockiert. Wo sollten nun die Luxusgüter, an die man sich so gewöhnt hatte, herkommen? Vielleicht ließ sich ein direkter Seeweg in diese fernen Weltengegenden finden. Zwei Routen waren denkbar, zum einen die Umsegelung Afrikas, zum anderen der Weg nach Westen, um Indien über die Rückseite der Erdkugel zu erreichen. Es waren gewagte Pläne, die viele Gefahren bargen. Andererseits hatte es Entwicklungen gegeben, die diese Abenteuer möglich erscheinen ließen. So stand ein neuer, wendigerer und besser steuerbarer Schiffstyp zur Verfügung, der Kompass war deutlich genauer geworden und mit Hilfe des Jakobsstabs und astronomischer Tabellen konnten die Positionen der Schiffe anhand des Standes der Sonne oder der Sterne genau berechnet werden. Bald waren auch tragbare mechanische Uhren verfügbar, die die Navigation weiter vereinfachten. Außerdem waren mächtige Feuerwaffen an Bord, die ein Gefühl von Überlegenheit vermittelten.

Die Zukunft lag auf den Meeren, das hatten vor allem die Herrscher von Portugal und Spanien verstanden. Sie waren bereit, tollkühne Männer für derartige Abenteuer auszurüsten. Das damit verbundene Risiko wurde belohnt, denn Vasco da Gama fand einen Seeweg nach Indien um Afrika herum. Kolumbus gelang die Querung des Ozeans gen Westen, wobei sich später herausstellen sollte, dass er nicht in Indien gelandet war, sondern dass er einen bis dahin in den Karten nicht verzeichneten Kontinent gefunden hatte. Die Seefahrer nahmen die Länder, die sie entdeckten, für ihre Herrscher in Besitz. Dass dort andere Völker lebten, war für sie nicht weiter von Belang. Durch Mord, Versklavung oder eingeschleppte Krankheiten waren diese ohnehin bald ein schwindendes Problem. Im Windschatten der Pioniere trugen Missionare den christlichen Glauben in die Welt. Zwar hatte sich in Folge der Reformation der Einfluss der katholischen Kirche in Europa verringert, durch die Eroberung fremder Länder konnte sie jedoch der Grundstein für eine Weltkirche legen. Allerdings waren auch die Missionare nicht mit allzu vielen Skrupeln ob ihres Vorgehens belastet. Und dann fand man auch noch Gold, das die großen Entdeckungen vollends zu großen Raubzügen werden ließ.

Gold und Silber flossen tonnenweise nach Europa. Es waren Waren, die sich problemlos in jede andere Ware eintauschen ließen. Insbesondere das Gold war ein gern gesehenes Zahlungsmittel und wurde als Inkarnation von Reichtum verstanden. Es war bis dahin in Europa ein eher rares und teures Gut. Sein massenweiser Zufluss wirkte auf Handel und Gewerbe wie eine Dopingkur, denn es sollte ja nicht in den Schatzkammern der Herrscher verstauben, sondern sich in Macht und Luxus, das heißt in einen Strom von Gütern, verwandeln. Die Aufwendungen für den Raub des Goldes waren zudem deutlich geringer als sein damaliger Wert, was zusätzlichen Profit versprach. Doch dabei blieb es nicht. Da immer mehr Gold nach Europa strömte, wurde der reale Aufwand für dessen Beschaffung bald zur Richtschnur seines Wertes. Das heißt, der Wert des Goldes, gemessen im Wert der Waren, die man mit ihm erwerben konnte, sank. Damit erhielt die Euphorie, die die ersten Raubzüge ausgelöst hatte, einen Dämpfer, zumal auch der Zufluss an Gold und Silber langsam verebbte. Man musste sich nun auf andere Naturschätze, die die neue Welt ebenfalls zu bieten hatte, besinnen. Es wurden Bodenschätze ausgebeutet und eine auf die Bedürfnisse Europas ausgerichtete Landwirtschaft entwickelte. Dort, wo Arbeitskräfte fehlten, auch weil die einheimische Bevölkerung beinahe völlig ausgerottet worden war, schaffte man Menschen aus anderen Weltengegenden, bevorzugt aus Afrika, heran. Menschenhandel wurde zu einem einträglichen Geschäft.

Überseeische Territorien zu besitzen, war zu einem wichtigen Faktor für Macht und Ansehen eines europäischen Herrschers geworden. Es wurden Kriege um die Vorherrschaft auf den Meeren, um überseeische Territorien, aber auch um die Dominanz in Europa geführt. In diesen Auseinandersetzungen konnten sich nur Staaten behaupten, die über eine starke Zentralmacht verfügten. Die Zentralmacht war es auch, die am meisten von den Erfolgen einer expansiven Politik profitierte. Gleichzeitig gab die Eroberung von überseeischen Territorien der Entwicklung von Handel und Gewerbe starke Impulse. Nicht nur die Sklaven, buchstäblich alles wurde zur Ware. Die Profitmacherei rückte mehr und mehr in den Mittelpunkt des Wirtschaftslebens. Der damit eingeleitete Paradigmenwechsel von der Selbstversorgungswirtschaft zur Warenwirtschaft spiegelte sich auch darin wider, dass vielfach die persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse der Bauern zu ihren Grundherren durch warenwirtschaftliche Abhängigkeiten ersetzt wurden. Selbst der Staat war nun zunehmend von Einnahmen aus Handel und Gewerbe abhängig.

Neben einigen Herrschern waren auch Kaufleute, Bankiers und Gewerbetreibende reich geworden. Sie wollten mehr Einfluss auf die Geschicke der Gemeinwesen erhalten und vor allem die Bedingungen für ihre wirtschaftlichen Unternehmungen verbessern. Dem stand das Beharren des Adels auf angestammte Privilegien im Wege. Gar nicht zu reden von dessen Verschwendungssucht, die im krassen Gegensatz zur Not weiter Teile der Bevölkerung stand, die aber auch in den Augen vieler Intellektueller und Bürger als unnatürlich empfunden wurde. Der Widerspruch, der bereits im Verhältnis von Renaissance-Päpsten und Reformatoren aufschimmerte, fand im Konflikt zwischen den vererbbaren Privilegien des Adels und dem emanzipatorischen Streben der Bürger Fortsetzung und Zuspitzung. Die wachsenden Spannungen entluden sich schließlich in folgenschweren Beben. Ein solches Beben, die französische Revolution, zerstörte nicht nur dort die alte Ordnung, seine Ausläufer waren beinahe überall auf der Welt zu spüren. Die Revolution proklamierte die formale Gleichheit aller vor dem Gesetz. Privilegien, die durch Geburt in eine bevorteilte Klasse begründet wurden, sollte es nicht mehr geben. Jeder würde selbst seines Glückes Schmied sein. Damit forderte die Revolution den massiven Widerstand aller um ihre Privilegien Bangenden heraus. Gleichzeitig setzte sie aber auch ungeahnte Kräfte frei, die das alte Europa das Zittern lehrten.

Bald kamen aus England mit seiner zu dieser Zeit am weitesten entwickelten Wirtschaft ganz erstaunliche Nachrichten. Dort waren von Wasserkraft getriebene Baumwollspinnereien entstanden, bei denen fast der gesamte Produktionsprozess mechanisch, ohne das Eingreifen von Menschen, ablief. Das sollte aber nur der Anfang sein. Ein neues Zeitalter, das Zeitalter der Industrialisierung pochte an die Tür der Geschichte. Veränderungen gab es auch in der Landwirtschaft. Man war von der Dreifelderwirtschaft zur Fruchtfolge übergegangen und setzte vermehrt Düngung ein. Mit diesen Neuerungen konnten die Erträge deutlich gesteigert werden, was ein starkes Wachstum der Bevölkerung ermöglichte. Viele Menschen zogen nun in die Städte und versuchten dort, in der aufkommenden Industrie, ihr Auskommen zu finden. Trotzdem bildete die Landbevölkerung noch immer die größte Gruppe, was sich erst mit der fortschreitenden Industrialisierung grundlegend ändern sollte. Das heißt, vom Sesshaftwerden der Menschen bis zur Industriealisierung waren die Gesellschaften agrarisch geprägt, es waren auf Selbstversorgung focussierte Bauerngesellschaften.

zuletzt geändert: 19.11.2017

Quellen:

  1. GEO Epoche Nr. 75, Die Pest
  2. GEO Epoche Kollektion Nr. 7, Die Industrielle Revolution

 

Bild: reference.com

Bauern

Die Jagd hatte für das Überleben der Homo sapiens eine entscheidende Rolle gespielt. Zum Ende der Eiszeit setzte jedoch ein Massensterben von Arten ein, darunter wichtiger Beutetiere der Menschen. Gleichzeitig wurde die Vegetation vielerorts üppiger. Da traf es sich gut, dass die Menschen bereits Erfahrungen mit der Zubereitung von Pflanzen für die Ernährung gesammelt hatten. Es wurden Körner zu Mehl gemahlen, um daraus Brot zu backen, das über eine längere Zeit genießbar blieb. Man hatte gelernt, Gefäße, wie Schalen und Töpfe, aus Keramik herzustellen. In ihnen konnten Pflanzen zu schmackhaften Gerichten verkocht werden. Sie wurden auch zur Aufbewahrung von Körnern, Nüssen und anderen Lebensmitteln verwendet, die so vor kleinen Nagern und ähnlichen Räubern geschützt waren. Mit der Aufwertung der pflanzlichen Nahrung gewannen die Basislager an Bedeutung, da dort bessere Möglichkeiten für deren Zubereitung bestanden. Schließlich brauchte man zum Kochen und Backen allerlei Gerätschaften, die auf einem Jagdtrip nur hinderlich waren.

Wo viel mit Früchten und Samen hantiert wird, entsteht Abfall, der, so er in den Boden gelangt, unter Umständen wieder zu keimen beginnt. Siehe da, aus solchem Abfall entstanden neue Pflanzen, die wiederum Früchte trugen. Irgendwann mag jemand auf die Idee gekommen sein, diesen Prozess nicht dem Zufall zu überlassen, sondern gezielt Samen in den gelockerten Boden einzulegen. Vielleicht war der erste Versuch gleich ein voller Erfolg, vielleicht bedurfte es aber auch mehrerer Anläufe bis ein achtbares Ergebnis erzielt wurde. Die Versuche zeigten jedenfalls, dass Pflanzen Hege und Pflege benötigen, wenn man einen vorzeigbaren Ertrag erzielen will. Außerdem musste die Saat bewacht werden, damit nicht gefräßige Tiere die Früchte der Arbeit raubten oder gar alles zerstörten. Um die Saat zu bewachen, musste man im Lager bleiben. Das Lager wurde damit zu einer ständig bewohnten Siedlung, zu einem Dorf. Erste Erfolge beim Anbau von Pflanzen gab es wahrscheinlich dort, wo nährstoffreiche Böden und gute klimatische Bedingungen das Wachstum begünstigten. Das Gebiet des „fruchtbaren Halbmonds“ im Nahen Osten bot diese Bedingungen. Man geht davon aus, dass dort vor 15.000 Jahren die ersten Dörfer entstanden. In Asien begann der Prozess des Sesshaftwerdens bereits ein paar tausend Jahre früher.

Nicht alle Stämme und Sippen wurden gleichzeitig sesshaft, manche zogen weiterhin als Wildbeuter durch die Lande. Gut ausgestattete Dörfer mögen bei ihnen oder bei weniger erfolgreichen Nachbarn Begehrlichkeiten geweckt haben. Wollten die Dörfer nicht um die Früchte ihrer Arbeit gebracht werden, mussten sie sich also schützen. Während die Beschaffung und Zubereitung der pflanzlichen Nahrung eher Frauensache war, wurden für den Schutz der Dörfer die Männer gebraucht. Die Männer wollten und sollten aber auch auf die Jagd gehen, also musste man sich für den Schutz etwas anderes einfallen lassen. Wälle, Gräben und Zäune wurden gebaut, mit deren Hilfe manchen Gefahren widerstanden werden konnte. Wenn jedoch eine Horde gut bewaffneter Krieger angriff, dann waren die Frauen und Halbwüchsigen trotz dieser Vorkehrungen kaum in der Lage, das Dorf zu verteidigen. Doch woher sollte das Fleisch kommen, wenn die Männer nicht auf die Jagd gehen konnten, weil sie das Dorf beschützen mussten?

Es gab da eine Geschichte, die schon seit langem an den Lagerfeuern erzählt wurde. Ein junger Mann hatte ein Wolfsbaby gefunden, es mitgenommen und aufgezogen. Dieser Wolf wurde sein ständiger Begleiter, der ihn vor Gefahren warnte, der ihm bei der Jagd half und ihm sogar einmal das Leben rettete, als er von einem Bären angegriffen wurde. Andere meinten, ein Gott hätte den Wolf zum Helfer der Menschen bestimmt. Wie dem auch sei, der Wolf war bereits vor hunderten von Jahren zum wertvollen Helfer und Begleiter der Menschen geworden. Natürlich war es keine Lösung, jedesmal nach Wolfswelpen zu suchen und diese aufzuziehen. Das war auch nicht nötig, denn die Wölfe, die die Menschen begleiteten, paarten und vermehrten sich. Und da nur Wölfe mit bestimmten Eigenschaften als Begleiter akzeptiert werden konnten, prägten sich deren Merkmale im Laufe der Zeit stärker aus. Die Wölfe wurden zu Hunden, zu treuen Gefährten der Menschen.

Durch die Erfahrungen mit dem Wolf wurde es grundsätzlich vorstellbar, Tiere an den Menschen zu gewöhnen. Vielleicht hatte es auch schon Erlebnisse mit einem gefundenen Frischling oder einem anderen Tierbaby gegeben, das, einst Spielgefährte, später zu einer schmackhaften Mahlzeit wurde. Für einen derartigen Leckerbissen war kein langer und gefährlicher Jagdausflug von Nöten. Hatte man eine Vielzahl solcher Tiere zur Verfügung, konnten die Männer am heimischen Herd verbleiben, das Dorf bewachen und beim Ackerbau helfen. Die Tiere mussten allerdings ständig bewacht werden, damit sie nicht davonliefen oder zur Beute hungriger Räuber wurden. Deshalb wurden sie mit ins Haus genommen oder anderweitig in der Nähe der Menschen einquartiert. Der daraus entstehende enge Kontakt mit den Tieren hatte jedoch auch Nachteile. Bis dahin unbekannte Krankheiten sprangen von den Tieren auf die Menschen über und verbreiteten sich schnell.

Tiere wurden anfangs vor allem als Fleischlieferanten gehalten. Natürlich fanden auch andere tierische Produkte, wie Eier und Milch oder Häute und Ferdern, Verwendung. Bald erkannte man jedoch, dass sich einige der Tiere auch für andere Zwecke, wie der Arbeit auf dem Feld, einsetzen ließen. Wollte man sie als Arbeitstiere nutzen, durften sie jedoch nicht geschlachtet werden. Darüber hinaus mussten auch von den anderen Tieren immer einige für die Nachzucht verbleiben. Da die Zahl der Tiere, die in den Dörfern genährt und beschützt werden konnten, begrenzt war, ist es nachvollziehbar, dass ein Braten eher selten, das heißt nur zu besonderen Anlässen auf den Tisch kommen konnte. Das tägliche Einerlei wurde vor allem mit Pflanzenkost bestritten. Diese Kost war auf die Dauer allerdings einseitig und von partiellem Mangel geprägt, was in der Tendenz zu einer schwächer werdenden Konstitution der Menschen führte.

Einer der positiven Effekte des Sesshaftwerdens war, dass bessere Voraussetzungen für die Herstellung von Werkzeugen und anderen Gerätschaften entstanden. Viele dieser Dinge machten das Leben angenehmer oder wenigstens etwas leichter. Da man sie nicht mehr mit sich herumschleppen musste, konnte der Haushalt auch ruhig größer werden. Ein gut ausgestatteter Haushalt war sogar bald Zeichen von Wohlstand. Natürlich konnte jeder versuchen, die benötigten Werkzeuge und Gerätschaften selbst herzustellen, das Ergebnis wäre aber wahrscheinlich wenig befriedigend gewesen. Außerdem gab es einige Menschen, die besondere Fähigkeiten und Erfahrungen auf diesem Gebiet besaßen. Die von ihnen gefertigten Dinge waren handlicher, zweckmäßiger, vielleicht auch schöner, jedenfalls besser als die der anderen und deshalb allgemein begehrt. Um den Wünschen nach diesen Dingen entsprechen zu können, waren diese Talente bald ausschließlich mit ihrem Handwerk beschäftigt.

Aber auch Handwerker und ihre Familien brauchen Nahrung. Sie mussten also für ihre Produkte eine Gegenleistung in Form von Nahrungsmitteln erhalten. Nur, wie war diese Gegenleistung zu bemessen? Aus der Sicht des Handwerkers sollte für die Erzeugung der Gegenleistung mindestens der gleiche Aufwand notwendig gewesen sein, den er für die Herstellung seines Produkts aufgebracht hatte. Der Erwerber hatte seinerseits zu entscheiden, inwieweit der Nutzen des Produkts seinen Aufwand für die Erzeugung der geforderten Gegenleistung rechtfertigte. Hatte man schließlich die unterschiedlichen Interessen auf einen Nenner gebracht und hatten die Produkte ihren Besitzer gewechselt, dann hatten beide einen Teil ihrer Arbeit veräußert und sich gleichzeitig fremde Arbeit zu eigen gemacht. Das Produkt, in dem die fremde Arbeit geronnen war, wurde Eigentum des Erwerbers, über das nur er verfügen durfte. Da prinzipiell jedes Produkt dazu taugte, in Produkte fremder Arbeit getauscht zu werden, wurden auch die eigenen Produkte zu Eigentum, von dem andere ausgeschlossen blieben. Die Entstehung von privatem Eigentum ist also eng mit dem Sesshaftwerden der Menschen verbunden. Daneben gab es auch weiterhin Dinge, die von allen, unter Einhaltung bestimmter Regeln, genutzt werden konnten. Im Unterschied zum entstehenden Privateigentum blieben sie also in der Verfügungsgewalt der Gemeinschaft und wurden zu Gemeineigentum.

Nachdem der Handwerker das Dorf mit seinen Erzeugnissen versorgt hatte, brauchte er, wollte er nicht wieder als Bauer tätig sein, neue Einnahmequellen. Er mag überlegt haben, welche anderen Dinge er anfertigen könnte. Vielleicht war bereits der ein oder andere Wunsch an ihn herangetragen worden. Eine weitere Möglichkeit, Einnahmen zu generieren, bestand darin, seine Erzeugnisse anderen Sippen anzutragen. Nützliche Dinge fanden auf diese Weise ihren Weg zu anderen Sippen und bald auch zu anderen Stämmen und Völkern. Im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte wurde dieser Austausch immer umfänglicher. Längst wurden nicht mehr nur Nahrungsmittel als Gegenleistung akzeptiert, auch Erzeugnisse fremder Handwerkskunst oder seltene Naturprodukte waren mindestens ebenso begehrt. Nach und nach schälten sich einige Dinge heraus, die besonders gern als Gegenleistung angenommen wurden, da sie praktisch jederzeit gegen andere benötigte Güter eingetauscht werden konnten. Diese Dinge wurden zu Mittlern des Tausches, zu Zahlungsmitteln. Die Herausbildung solcher Zahlungsmittel änderte jedoch nichts am Grundprinzip des Wirtschaftens, denn nach wie vor stand der Erhalt von Nahrung im Mittelpunkt des wirtschaftlichen Strebens.

Grundlage dafür, dass sich einige Menschen ausschließlich der handwerklichen Arbeit widmen konnten, waren die erreichten Ertragssteigerungen in Ackerbau und Viehzucht. Sie ermöglichten nicht nur die Freistellung einzelner für besondere Aufgaben sondern auch ein Wachstum der gesamten Population. Damit wurden auch die Siedlungen größer, was wiederum einen höheren Bedarf an unterschiedlichen Produkten zur Folge hatte. Die wachsende Nachfrage beförderte die Einwicklung des Handwerks und eine Belebung des Handels. Händler legten mit Trägern oder mit Booten immer weitere Entfernungen zurück, um ihre Waren feilzubieten und Produkte ferner Länder herbeizuschaffen. Sie brachten auch Ideen und neue Werkstoffe, wie das Kupfer, mit. Kupfer war bald überall heiß begehrt, weshalb es auch als Zahlungsmittel akzeptiert wurde. Schritt für Schritt verbreiterte sich der Strom der Güter. Bald wurden auch Lasttiere, wie Kamele, Esel und Pferde, eingesetzt, um die Warenmengen zu bewegen. Dann hatte jemand die Erleuchtung, dass sich runde Scheiben nicht nur zum Töpfern eignen, sondern dass man mit ihnen auch Lasten leichter transportieren kann. Auf derartigen Rädern konnte ein Gestell befestigt werden, so dass ein Wagen entstand. Solche Wagen veränderten den Transport von Gütern und Personen nachhaltig.

Während das Rad schrittweise, im Kontext der allgemeinen Entwicklung, sein großes wirtschaftliches Potential zur Geltung brachte, führte eine andere Entdeckung beinahe unmittelbar zu gesellschaftlichen Veränderungen. Verschmolz man Kupfer und Zinn in einem bestimmten Verhältnis, dann entstand ein Werkstoff, der sich nicht nur gut verarbeiten ließ, sondern der auch enorm strapazierfähig war, ohne zu verformen. Dieser Werkstoff, die Bronze, fand vor 5.000 Jahren eine geradezu rasante Verbreitung. Aus Bronze ließen sich neue und vor allem bessere Werkzeuge und Waffen herstellen. Mit solchen Werkzeugen wurde es beispielsweise möglich, mächtigere Bäume zu fällen, aus denen sich größere Schiffe bauen ließen, die auch den Gefahren der Meere trotzten. Viele bis dahin unbekannte Gewerke und Berufe entstanden. Im Zuge der damit verbundenen wirtschaftlichen Belebung wuchsen einige Siedlungen zu Städten heran, die ihren Wohlstand vor allem dem Fernhandel verdankten. Bronze war aber nicht nur ein allseits begehrter Werkstoff, sie wurde auch zu einem gern gesehenen Zahlungsmittel. Daneben erfreuten sich Luxusgüter, wie Bernstein, einer stark gestiegenen Nachfrage, so dass sie ebenfalls als allgemeines Äquivalent Verwendung fanden.

Große Gemeinschaften, wie sie die Städte darstellen, bringen neue Anforderungen an die Organisation des Zusammenlebens hervor. In viel umfänglicherem Maße als bisher waren Normen erforderlich, die die komplexer gewordenen Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft regelten. Dabei reichte es nicht aus, solche Normen zu verkünden, sie mussten auch durchgesetzt werden. Man brauchte also Institutionen, denen diese Aufgabe übertragen werden konnte. Die entstehenden Verwaltungen mussten allerdings angeleitet und beaufsichtigt werden. Die Gemeinden brauchten also jemanden, einen Rat oder einen Vorsteher, der nicht nur in der Lage war, die Vielfalt des Zusammenlebens zu überblicken und Regeln aufzustellen oder bestehende Regeln den veränderten Gegebenheiten anzupassen. Er hatte außerdem die Verwaltungen zu kontrollieren und gegebenenfalls ordnende Entscheidungen zu treffen. Solche Oberhäupter wurden traditionell von der Gemeinschaft gewählt. Für diejenigen, die so eine Position inne hatten, ergaben sich hin und wieder Möglichkeiten, Vorteile aus dem Amt zu ziehen. Die Bandbreite der Vorteile konnte man erweitern, indem man immer mehr Kompetenzen in den eigenen Händen bündelte. Auf diese Weise konzentrierten sich Macht und Reichtum bei den Spitzen der Gesellschaft. Diese waren narurgemäss daran interessiert, die einträgliche Stellung in der Familie zu halten, das heißt, sie an Nachkommen übergehen zu lassen. Die Weitergabe von Macht und Reichtum in der Familie verfestigte die sozialen Unterschiede. Die Balance zwischen Gleichberechtigung und Führerschaft, die die Wildbeutergesellschaften geprägt hatte, ging Schritt für Schritt verloren. An ihre Stelle trat ein System abgestufter Rechte und Pflichten. Das hatte zur Folge, dass nicht mehr Gleichberechtigung und Solidarität das Zusammenleben prägten, sondern soziale Unterschiede und Distanz der gesellschaftlichen Gruppen zueinander. Gleichzeitig wurden die Verwaltungen immer komplexer, so dass Staatswesen entstanden, deren Wirken für den Normalbürger kaum mehr durchschaubar war. Immerhin sah es dieser Staat noch als seine Aufgabe an, das Überleben seiner Bürger zu sichern.

Zu den Aufgaben des Staates gehörte auch der Schutz der Gemeinschaft vor äußeren Feinden. Der wachsende Wohlstand der Städte rief immer wieder Neider auf den Plan, die auch Gewalt nicht scheuten, um ein Stück vom Kuchen zu ergattern. Wollte man sich vor derartigen Überfällen schützen, reichte es nicht aus, Mauern zu bauen und Waffen zu beschaffen, man musste deren Handhabung auch unablässig trainieren. Das ging nicht nebenbei, neben den täglichen Verpflichtungen als Bauer, Handwerker oder Händler. Krieger zu sein, wurde ein eigenständiger Beruf. Soldaten brauchte man aber nicht nur zum Schutz der Städte, auch die Handelswege waren mit bewaffneten Stützpunkten zu sichern, gerade weil der Reichtum zu großen Teilen aus dem Fernhandel gespeist wurde. Außerdem musste der permanente Zufluss von Rohstoffen gewährleistet werden. Und nicht zuletzt konnten gut ausgerüstete und trainierte Armeen auch für eigene Erorberungen, die Reichtum und Ansehen der Kriegsherren mehren würden, eingesetzt werden. Krieg war zu einem entscheidenden Faktor geworden, der über Aufstieg und Fall von Herrschern und über Wohl und Wehe ganzer Gemeinschaften entschied. Eine besonders wichtige Kriegsbeute waren Menschen anderer Völker. Sie wurden gebraucht, um Bauten zum Ruhm der Herrschenden oder auch nur für deren Wohlleben zu errichten. Außerdem brauchten die Herren Diener, die den immer aufwendiger werdenden Haushalt am Laufen hielten. Die eigene Bevölkerung konnte diese zusätzlichen Aufgaben nicht bewältigen, hatte sie doch die wirtschaftlichen Grundlagen der Gemeinschaft, die Erzeugung oder Beschaffung von Nahrungs- und Genussmitteln, von Waffen, Werkzeugen und Gerätschaften, von Kleidung, Schmuck und was sonst noch benötigt wurde, zu sichern. Nur mit Hilfe von Sklaven konnte wahrer Luxus entstehen.

Der Zusammenhalt der Gemeinschaften war durch die gemeinsame Sprache, durch überkommene Traditionen, Regeln und Rituale, aber auch durch einen gemeinsamen Glauben begründet worden. Die Bedeutung des Glaubens nahm sogar zu, nicht zuletzt weil die sozialen Strukturen dem einzelnen in wachsendem Maße mysteriös erschienen. Wieso gab es einige, die nicht tagein tagaus schuften mussten und doch in Luxus lebten und andere, die trotz größter Anstrengungen kaum genug hatten, um ihre Kinder zu nähren? Irgendjemand musste das doch festgelegt haben. Religionen lieferten Erklärungen, indem sie die Machtstrukturen, die das soziale Gefälle in der Gesellschaft bewirkten, als von Gott gegeben proklamierten. Die mit ihnen verbundenen Privilegien waren somit unantastbar. Der Glaube wurde auf diese Weise zu einer staatstragenden Institution, deren Vertreter häufig auch direkt in die Verwaltung der Gemeinwesen einbezogen waren. Außerdem oblag es ihnen, das vorhandene Wissen über die Natur, die Gesellschaft und die Menschen zu sammeln und zu bewahren. Abweichungen vom herrschenden Glauben wurden meist unbarmherzig verfolgt.

Das in der Gesellschaft gesammelte Wissen wurde mündlich weitergegeben. Mit der Zeit war dieses Wissen jedoch immer umfänglicher geworden, so dass es kaum mehr durch einzelne Personen erhalten werden konnte. Ähnliches galt für die Vielzahl von Normen, die entstanden waren, und deren Beachtung überwacht werden musste. Hinzu kam, dass mit den wirtschaftlichen Verflechtungen das Bedürfnis wuchs, diese nachweisbar festzuhalten, um Streitigkeiten über gegenseitige Verpflichtungen zu vermeiden. Man musste also etwas finden, womit Wissen, Regeln und Verpflichtungen dauerhaft dokumentiert werden konnten. Zu diesem Zweck wurden Symbole, die Mengenangaben und Worte bezeichnen, ersonnen. Man brachte sie auf Steine, Holzbretter, Ton- und Wachstafeln, auf Papyros oder anderem Material auf und konnte so jederzeit auf die mit ihnen festgehaltenen Inhalte zugreifen. Damit war die Bewahrung und Verbreitung von Fakten und Einsichten nicht mehr an einzelne Wissensträger gebunden. Sie konnten nun jederzeit und unabhängig von Personen einem größeren Kreis von Menschen zugänglich gemacht werden. Letztlich war es diese Neuerung, die es überhaupt erst möglich werden ließ, größere Gemeinwesen zu führen. Mit der Herausbildung der Schrift wurde das Fundament für die Entstehung von Hochkulturen bereitet. Eine dieser frühen Hochkulturen, das Reich der Pharaonen, überdauerte Jahrtausende.

Nach der Bronze war es vor allem das Eisen, das zu gesellschaftlichen Veränderungen beitrug. Allerdings verbreitete es sich nicht im Sturmlauf, wie die Bronze, sondern über einen langen Zeitraum, denn seine Verarbeitung und insbesondere seine Veredlung erwiesen sich als schwierig. Der entscheidende Vorteil des Eisens bestand darin, dass es fast überall verfügbar war. Es war dadurch kostengünstiger und konnte einen breit gefächerten Einsatz im täglichen Leben finden. In veredelter Form zeigte es darüber hinaus Eigenschaften, die denen der Bronze überlegen waren. Aus Stahl ließen sich deutlich bessere Waffen herstellen, die die Kampfkraft der Krieger erhöhten. Da man darüber hinaus gelernt hatte, Pferde so zu trainieren, dass sie einen Reiter trugen und diesem gehorchten, wurden andere taktische Varianten der Kriegsführung möglich. Die Reichweite der Raubzüge erreichte neue Dimensionen. Mitunter wurden riesige Gebiete erobert. Allerdings war den so entstandenen Reichen meist keine lange Existenz beschieden, nicht zuletzt, weil es sich als unmöglich erwies, die riesigen eroberten Territorien dauerhaft zu beherrschen, mithin zu verwalten. Als Ausnahmen können das chinesische und das römische Reich gelten, die, basierend auf einer starken Zentralmacht, einer schlagkräftigen Verwaltung und einer ausgeklügelten Infrastruktur lange Zeit überdauerten und, trotz mancher Brüche und Rückschläge, den Lauf der Geschichte bis in die Neuzeit hinein beeinflussten.

Rom war als kleines städtisches Gemeinwesen gestartet. Es vergrößerte Schritt für Schritt seine Einflusssphäre. In diesem Prozess wurden die bis dahin dominierenden egalitären Elemente zugunsten hierarchsicher Strukturen zurückgedrängt. Gleichzeitig entwickelte sich eine effiziente Verwaltung, die nicht nur die Metropole sondern auch die eroberten Gebiete umfasste. Die schnell wachsende Stadt brauchte Wasser und Nahrungsmittel wie auch viele andere Dinge, die aus der Umgebung oder aus den unterworfenen Provinzen herangeschafft werden mussten. Zu diesem Zweck wurde eine für die damalige Zeit fortgeschrittene Infrastruktur aus Wasserleitungen, Straßen, Schiffahrtswegen und Kurierdiensten geschaffen. Das Ganze ruhte auf den Schultern einer bestens ausgebildeten und bewaffneten Berufsarmee, die sehr bald nicht mehr nur aus den Bürgern Roms gespeist wurde. Die Armee hatte auch den ständigen Zufluss an Menschen, an Sklaven zu sichern, denn die Mächtigen wollten prächtige Bauten errichten, dem Volk Spiele geben und sich selbst nach allen Regeln der Kunst verwöhnen lassen. Natürlich waren andere Völker nicht ohne weiteres bereit, ihre Ressourcen dem Moloch Rom in den Rachen zu werfen, so dass die Streitkräfte auch in Friedenszeiten nicht beschäftigungslos wurden.

Aber nicht nur innere Unruhen verunsicherten das römische Reich, auch von außen drohte immer wieder Ungemach. In ihrem Streben nach Verbesserung des eigenen Lebens bedrängten fremde Völker die Grenzen. Man errichtete Zäune, Wälle und Mauern, die diese Grenzen schützen sollten. Sie konnten die Sicherheit jedoch nicht auf Dauer garantieren. Das riesige Reich würde nur bestehen, wenn der innere Zusammenhalt stark blieb. Dazu mussten die verschiedenen Teile des Vielvölkerstaats, die durch unterschiedliche kulturelle und religiöse Traditionen geprägt waren, in die Gesellschaft und dessen Verwaltung eingebunden werden. Die strikte Trennung zwischen den Vollbürgern Roms, von denen alle Macht ausging, und den unterworfenen Völkern war ohnehin längst aufgeweicht. Mit der Integration schwand allerdings die Wirkungskraft des ursprünglichen Bandes, das durch eine einheitliche Sprache, Religion und Kultur entstanden war. Die große Ausdehnung des Reiches wurde vom Segen zum Fluch. Irgendwann konnte das im Inneren erodierende Rom dem fortgesetzten Ansturm der Völker aus den Weiten Asiens nicht mehr standhalten. Es wurde überrannt. Der Untergang des weströmischen Reichs unterbrach den Prozess des kulturellen und wirtschaftlichen Voranschreiten Mitteleuropas. Die Geschichte musste hier einen neuen Anlauf nehmen.

zuletzt bearbeitet: 18.11.2017

Quelle

1)  GEO kompakt Nr. 37, Die Geburt der Zivilisation

 

 

Bild: bibelwissenschaft.de

Wildbeuter

Die Homo sapiens vermehrten sich prächtig. Am Beginn ihres Weges sollen rund 10.000 Individuen auf den Beinen gewesen sein, als sie sesshaft wurden, waren es bereits eine Millionen.1) Das Wachstum der Population wurde durch die zunehmenden Jagderfolge möglich. Hinzu kamen neue Verfahren für die Zubereitung pflanzlicher Kost, so dass die Ernährungsbasis insgesamt reichhaltiger wurde. In den größer gewordenen Gemeinschaften war nicht jeder für alles zuständig. Neben die physiologisch geprägte Aufgabenteilung zwischen Männern und Frauen trat eine Aufgabenteilung, die aus der körperlichen Verfasstheit, aus Talenten und Neigungen entsprang. Damit wurden auch die Beziehungen in den Gemeinschaften vielfältiger, was höhere Anforderungen an die Kommunikation mitsichbrachte. Zur Bezeichnung der vielfältigen Sachverhalte reichten einzelne Laute und Lautfolgen längst nicht mehr aus, kombinierbare Lautfolgen, also Silben und Wörter, wurden gebildet. Ihre Verwendung musste allgemein anerkannten Regeln folgen, damit sie von allen in gleicher Weise verstanden wurden. Das Wachstum der Population führte auch zu einer stärker werdenden Konkurrenz der Sippen um die Jagdgebiete. Einige waren gezwungen, in andere Gebiete auszuweichen, so dass sich die Homo sapiens nach und nach über den afrikanischen Kontinent verbreiteten, bis sie schließlich auch Europa, Asien und Australien erreichten.

Der moderne, in Gesellschaften lebende Mensch, entstand. Die frühen Formen dieser Gemeinschaften hat man als Urgesellschaft bezeichnet. Heute findet man häufiger den Begriff der Wildbeutergesellschaft. Damit wird unterstrichen, dass das Überleben der Menschen maßgeblich von ihrem Jagderfolg abhing. Die Wildbeuterei bestimmte ihren Lebensrythmus. Trotz der gemeinsamen Lebensgrundlage dieser Gemeinschaften waren die Gesellschaften der Wildbeuter in Ort und Zeit unterschiedlich ausgeprägt. Auf der einen Seite existierten sie tausende von Jahren, in denen sie sich in ihrem Zusammenleben immer wieder den sich verändernden Bedingungen anpassen mussten. Auf der anderen Seite fanden die Menschen in den einzelnen Weltengegenden unterschiedliche Bedingungen vor, die ebenfalls die Art und Weise ihres Zusammenlebens bestimmten. Neben dieser Unterschiedlichkeit weisen die Gesellschaften der Wildbeuter auch gemeinsame Merkmale und Entwicklungen auf.

Der Prozess der sozialen Differenzierung war, wie geagt, nicht bei der Aufgabenteilung zwischen Männern und Frauen stehengeblieben. Im Laufe der Zeit prägten sich die unterschiedlichen Fähigkeiten der Menschen weiter aus. Einige mögen besonders stark, andere besonders geschickt gewesen sein, einige mögen über ein gutes Gedächtnis verfügt haben, andere über eine hohe soziale Kompetenz. Diese Fähigkeiten brachten die Menschen in das Leben der Gemeinschaft ein. Der erfahrenste Jäger bereitete den gemeinsamen Jagdzug vor. Vielleicht führte er auch das Jungvolk in die Geheimnisse der Wildbeuterei ein. Neben der Wildbeuterei erlangte die Herstellung von Werkzeugen und Waffen einen hohen Stellenwert. Es wurden Klingen, Bohrer und Kratzer benötigt, aber auch Jagdgeräte wie Pfeil- und Speerspitzen sowie Angeln und Tierfallen. Für die Herstellung dieser Dinge waren spezielle Erfahrungen und Fertigkeiten erforderlich, über die nicht jeder in gleichem Maße verfügte. Darüber hinaus wurden unterschiedliche Werkstoffe, wie Stein, Holz, Knochen und Geweih eingesetzt, deren Eigenschaften man kennen musste, wollte man sie sinnvoll verwenden. Damit nicht genug, die Gemeinschaft brauchte auch Unterkünfte, Kleidung und Schmuck, die gefertigt und instand gehalten werden mussten. Natürlich konnte jeder versuchen, alles selbst zu machen. Ob, zum Beispiel, der selbst gefertigte Schmuck dann auch wirklich schmückend war, ist eine andere Frage, zumal es in der Gruppe jemanden gab, dessen Schmuck von allen bewundert wurde. Warum sollte man ihn nicht bitten, eines seiner Stücke abzugeben?

Nicht nur handwerkliche Fähigkeiten machten einen Unterschied. Es gab auch Frauen und Männer, die mehr als andere über Pflanzen und deren Wirkungen auf Mensch und Tier wussten. Mit Hilfe dieser Pflanzen konnten Wunden geheilt oder Gebrechen gelindert werden. Manche von ihnen hatten eine betäubende Wirkung, andere waren gar tötlich. Dieses spezielle Wissen ließ sich nicht nur für die Heilung von Krankheiten einsetzen, es war auch möglich, rauschartige Zustände, die von einer veränderten Wahrnehmung der Umwelt begleitet waren, zu erzeugen. Das Wissen um diese Dinge muss den anderen geheimnisvoll erschienen sein, so geheimnisvoll wie vieles, was um sie herum in der Natur geschah. Das Geheimnisvolle dieses Wissens übertrug sich auf die Personen, die mit ihm umgingen. Ihnen wurde mit Ehrfurcht begegnet, das heißt, sie wurden verehrt aber auch gefürchtet. Diese Frauen und Männer waren sich ihrer besonderen Stellung durchaus bewusst. Sie unterstrichen sie durch äußere Attribute, wie speziellen Schmuck oder besondere Kleidung, die nur ihnen vorbehalten war.

Außer Medizinmännern, Schamanen und Priestern bedienten sich auch andere äußerer Attribute, um die eigene Stellung zu unterstreichen. Geschickte Jäger oder erfahrene Krieger schmückten sich zum Beispiel mit Trophäen ihres Erfolgs. Jeder konnte dies auf seine Weise tun. Nach und nach bildeten sich jedoch allgemein beachtete Standards heraus, die es ermöglichten, die Stellung des einzelnen in der Gemeinschaft an diesen äußeren Zeichen abzulesen. Das heißt, sie wurden zu Statussymbolen, die einzelnen vorbehalten waren. Diese Statussymbole, genauso wie Kleidung, Werkzeuge und Waffen gehörten einzelnen Personen, sie bildeten deren persönliche Habe. Eine nicht autorisierte Verwendung dieser Dinge durch andere konnte zu Konflikten führen. Trotzdem war mit diesen Dingen kein Eigentum verbunden, denn Eigentum setzt das Gegenteil, die mögliche Veräußerung des Gutes voraus. Für derartige Veräußerungen fehlte jedoch die materielle Basis, da jeder nur das Notwendigste auf den Wanderungen mitführen konnte. Ein veräußerungsfähiger Überschuss an Dingen war mit der Lebensweise der Wildbeuter nicht vereinbar. Außerdem waren die Gemeinschaften auf Solidarität angewiesen, die nicht durch die übermäßige Betonung der Unterschiede gefährdet werden durfte. Nur gemeinsam konnten sie das Leben und Überleben aller sichern.

Die Wildbeuter waren Nomaden, die, um ihre Ernährung zu sichern, den Tieren folgen mussten. Trotzdem kamen sie gern zu bestimmten, vorteilhaft gelegenen Unterkünften zurück. Diese Unterkünfte wurden zur Basis für mehr oder weniger lange Streifzüge. Für die Ausgestaltung dieser Behausungen betrieb man einigen Aufwand. Handelte es sich um Höhlen, so wurden zum Beispiel die Wände bemalt. Bevorzugte Motive waren Tiere und Jagdszenen, schließlich hing vom erbeuteten Wild das eigene Überleben ab. Vielleicht sollte die bildliche Darstellung von Tieren oder von Jagdszenen auch zur Versöhnung mit den getöteten Kreaturen beitragen. Fand man keine Höhle vor, die als Behausung dienen konnte, dann erhielten Basislager aus Zelten oder einfachen Holzbauten eine vergleichbare Bedeutung. Die Behausungen in diesen Lagern waren stabiler als die auf der Jagd verwendeten. Sie konnten eine Kochmulde, einen Rauchabzug oder andere Annehmlichkeiten enthalten. Leicht zerbrechliche Gebrauchsgegenstände oder andere Dinge, die auf den Jagdzügen eher hinderlich gewesen wären, konnten dort verbleiben. Je mehr Komfort mit den Basislagern verbunden war, desto attraktiver wurden sie für ihre Bewohner.

Die Beziehungen, die sich innerhalb der durch familiäre Bande geprägten Gemeinschaften entwickelten, erhielten durch Kontakte zu anderen Sippen eine zusätzliche Dimension. Die größer gewordene Population machte es möglich, dass sich Sippen häufiger trafen. Man tauschte Neuigkeiten und Erfahrungen aus, vielleicht konnte man bei solchen Gelegenheiten auch ein Weib freien. Sicher hat man auch Waffen und Werkzeuge getauscht, denn die Sippen entwickelten unterschiedliche Stärken. Darüber hinaus wechselten Schmuckstücke, die sich durch besondere Materialien oder durch die Kunstfertigkeit ihrer Herstellung auszeichneten, den Besitzer. Auch Gegenstände, die mehr einem künstlerischen Anspruch genügten, wie kleine Figuren oder Musikinstrumente, wurden gehandelt. Einige Dingen, wie seltenen Muscheln oder Federn, spielten, da sie allgemein begehrt waren, bald eine besondere Rolle. Man konnte sie jederzeit als Tauschobjekt akzeptieren, da sie problemlos in andere Dinge eingetauscht werden konnten. Charakteristisch ist, dass der Tausch zwischen den Sippen stattfand und dass der daraus gezogene Vorteil der Gemeinschaft zugute kam. Allerdings mögen die Begegnungen mit anderen Clans nicht nur friedlich gewesen sein. Mitunter ging es auch um Leben und Tod, zum Beispiel dann, wenn Streit um die Jagdgebiete entbrannte. Auch auf einen solchen Fall mussten die Sippen vorbereitet sein. Wahrscheinlich war es der erfahrenste Kämpfer, der die Ausbildung der Krieger übernahm. Er würde sie im Ernstfall auch in den Kampf führen.

Mit der Aufgabenteilung in den Gemeinschaften entstanden Unterschiede im Ansehen der Personen. Einzelne erhielten oder übernahmen eine führende Rolle, sei es für die Jagd, den Kampf mit anderen Sippen, die Betreuung der Kinder, die Ausbildung des Nachwuchses oder die Organisation des Zusammenlebens. Die Übernahme einer solchen Führungsaufgabe war vor allem durch individuelle Vorzüge, die die einzelnen mitbrachten, begründet. Natürlich entstand im Zusammenleben auch Streit, zu dessen Regelung sich Rituale, wie Wettkämpfe oder öffentliche Dispute, herausbildeten. Sie wurden von einer allseits geachteten Person geleitet, die die Einhaltung der Regeln überwachte und die das Ergebnis verkündete. Immer öfter mag dieser Schiedsrichter anstehende Streitfragen auch auf der Basis seiner Erfahrungen und der ihm zugewachsenen Autorität entschieden haben, ohne die zeitaufwendigen Rituale zu bemühen. Trotzdem blieben diese Rituale wichtig für den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Das gleiche gilt für die gemeinschaftliche Beratung und Entscheidung von wichtigen Fragen des Zusammenlebens. Zu welchen konkreten Themen Beratungen stattfanden, wer daran teilnehmen und wer mitreden durfte, war in den Gemeinschaften unterschiedlich geregelt. Charakteristisch ist jedoch, dass sich in den Gesellschaften die Abstufungen im Ansehen und in den Kompetenzen ihrer Mitglieder mit der Zeit stärker ausprägten.

Das Zusammenleben in den Gemeinschaften wurde durch Regeln, oft auch in Form von Tabus, bestimmt. Sie waren bewährt und wurden von Generation zu Generation weitergetragen. Für ihre Einhaltung sorgte die gesamte Gemeinschaft, wobei einzelnen eine besondere Verantwortung zuteil werden konnte. Solche Regeln betrafen beinahe alle Facetten des Zusammenlebens. Sie wiesen dem einzelnen seine Rolle in der Gemeinschaft zu, sie verlangten einen bestimmten Umgang miteinander, sie sicherten die Ernährung aller und die Fürsorge für die Bedürftigen. Nicht zuletzt legten sie fest, welche Paarungen toleriert wurden und wie sie zustande kommen sollten. Mit den Regeln waren häufig Rituale verbunden, deren Achtung zum Bestandteil der Regeln wurde. Die Rituale betrafen insbesondere die für das Leben bedeutsamen Momente, wie die Geburt, die Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen, die Vermählung und den Tod. Paradoxerweise hat vor allem der Tod, über Grabbeilagen, bleibende Spuren hinterlassen.

Mit der inneren Struktur der Gemeinschaften entwickelte sich auch die Sprache weiter. Anfänglich mögen die benutzten Laute und Lautkombinationen über Sippengrenzen hinweg verstanden worden sein. Sie waren in ihrer Zahl beschränkt und fanden durch den Kontakt untereinander Verbreitung. Erst nach und nach entwickelten sich in den Gemeinschaften eigenständige Gewohnheiten der Kommunikation, vor allem weil die Gruppen größer und das Leben in ihnen vielfältiger wurden. Je mehr sich die Population territorial ausdehnte, umso mehr unterschieden sich die Lebensumstände der einzelnen Gruppen voneinander, was ebenfalls in Besonderheiten der Kommunikation seinen Niederschlag fand. Da man schon wegen der Entfernungen mit vielen Sippen kaum mehr Kontakt aufnehmen konnte, prägten sich diese Besonderheiten immer stärker aus. Die auf diese Weise entstandenen unterschiedlichen Sprachen trugen auf der einen Seite zur Stärkung des Zusammenhalts der jeweiligen Gemeinschaften bei, auf der anderen Seite führten sie zur Entfremdung von anderen. Als eine Folge dieser Entwicklung bildeten sich neben den Sippen größere, durch Sprache und Tradition verbundene Stämme heraus, die sich immer mehr von anderen Stämmen abgrenzten.

Sprache wurde unter anderem benötigt, um die vielfältigen Erfahrungen des Alltags weiterzugeben. Derjenige, der eine Erfahrung aufnehmen will, muss sie sich zu eigen machen, indem er sie zu eigenen Erfahrungen in Beziehung setzt. Für eine solche Zuordnung müssen die Erfahrungen auf Wesentliches reduziert sein. Das heißt, die Speicherung und Ergänzung von Erfahrungen sind eng mit einem Abstraktionsprozess verbunden. Dieses Abstraktionsbestreben prägte auch die Entwicklung der Sprache. Während die Laute und Lautkombinationen noch sehr spezifische Sachverhalte bezeichneten, begannen die Worte vielfach auf übergreifende Charakteristika der Dinge und Geschehnisse abzuheben. Sie wurden zu Begriffen, die von Details abstrahieren. Ein Löffel ist ein Löffel, egal ob er aus Holz oder Bein gefertigt wurde, ob er lang oder kurz, gerade oder gebogen ist. Die sprachliche Differenzierung nach derartigen Details erfolgt nur, wenn es für den Zweck, dem die Beschreibung dient, von Belang ist. Anders gesagt, das Entstehen der Sprache erforderte und beförderte die Entwicklung des Abstraktionsvermögens, aber auch die Fähigkeit, unterschiedliche Lautfolgen respektive Worte so miteinander zu kombinieren, dass komplexe Sachverhalte wiedergegeben werden können.

Da sich im Zuge der Abstraktion die Worte immer mehr von konkreten Inhalten lösten, taugten sie auch zur Formulierung und Weitergabe von verallgemeinertem Wissen, von Ideen und Vorstellungen. Wissen und Ideen basieren auf Beobachtungen über Zusammenhänge in der Natur oder im Zusammenleben der Gemeinschaft. Zum Wissen der damaligen Menschen gehörten zum Beispiel Kenntnisse über essbare Pflanzen sowie deren Zubereitung. Einige Pflanzen hatten zudem eine heileinde Wirkung, die bei Beschwerden Linderung verschaffte. Man hatte auch gelernt, die Spuren der Tiere zu erkennen und sich deren Gewohnheiten und Eigenarten bei der Jagd zunutze zu machen. Mehr noch, man konnte Zusammenhänge zwischen Naturerscheinungen und dem Verhalten von Tieren deuten. Trotzdem blieb vieles unerklärlich. Warum blitzte und donnerte es? Warum hatte man an dem einen Tag Jagderfolg und dann wieder lange Zeit nicht? Woher kamen Krankheiten und wohin gingen die Menschen nach dem Tode? Dort wo es keine konkreten Antworten gab, versuchte man, plausible Erklärungen zu finden. Von den Vorfahren hatte man zum Beispiel gelernt, dass Tiere und Pflanzen Wesen seien, die man für sich einnehmen muss, damit sie oder ihre Artgenossen auch weiterhin mit ihrem Fleich oder ihrem Samen zur Verfügung stünden. Da es in der eigenen Sippe ein Oberhaupt gab, das Streitfragen regelte, war es nur wahrscheinlich, dass es auch bei den Tieren Häuptlinge gab, die man gegebenenfalls besänftigen musste, wenn man ihrer Sippe Leid zugefügt hatte. Diese Vorstellungen erklärten aber noch nicht, warum es blitzte und donnerte. Vielleicht gab es da jemanden im Himmel, der, einem Vater gleich, ab und an seinem Zorn über das Treiben auf Erden Luft verschaffen musste. Ihn galt es, mit Gesängen, Gebeten oder auch Opfern, milde zu stimmen.

Nach und nach entstand ein Geflecht von Anschauungen über die Natur und die Menschen, bestehend aus Erfahrungen, Regeln, Ritualen und Überzeugungen, das zum Allgemeingut wurde. Diese gemeinsamen Anschauungen bildeten ein Band, das die Gemeinschaft festigte und sie gleichzeitig von anderen abgrenzte. Allerdings wurden diese Anschauungen und die mit ihnen verbundenen Regeln mit der Zeit immer vielfältiger, so dass bald nicht mehr jeder in der Lage war, alle ihre Feinheiten zu verstehen. Einzelne wurden berufen, dieses spezielle Wissen zu bewahren und weiterzugeben. Besonders wichtig war es, die mit den grundlegenden Überzeugungen, das heißt, die mit dem Glauben verbundenen Rituale genauestens einzuhalten, schienen doch die mit ihnen Angesprochenen überaus mächtig zu sein. Personen, die dazu berufen waren, nahmen bald eine besondere Stellung in den Gemeinschaften ein. Da für die Menschen Behausungen wichtiger wurden, war es nur folgerichtig auch den Göttern Behausungen zu errichten, dass sie eine Heimstatt hätten und dass den Menschen ein Ort der Begegnung mit ihnen gegeben würde.

zuletzt geändert: 17.09.2017

Quellen:

  1. A. Beck, Die Steinzeit, Theiss WissenKompakt 2012
  2. Bisher ging man davon aus, dass der Homo sapiens vor 200.000 Jahren die Bühne der Geschichte betrat. Neue archäologische Funde legen nahe, dass dies mindestens 100.000 Jahre früher der Fall war.
  3. Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit, Pantheon-Ausgabe 2015
  4. GEO kompakt Nr. 37, Die Geburt der Zivilisation

Bild: forum.zoologist.ru

Es werde Mensch

Schöpfung

Würde man heute ein Bild über den Schöpfungsakt malen, dann müsste der erste Mensch eine dunkle Hautfarbe, schwarze Haare und braune Augen haben. Schließlich kam er aus Afrika. Dass er in einem Schöpfungsakt entstanden sei, könnte man aber durchgehen lassen, erscheint doch die Herausbildung des modernen Menschen, gemessen an den Zeiträumen, in denen sich die Evolution vollzog, wie eine Laune der Natur. Diese Laune hatte allerdings eine Vorgeschichte.

Die erste Art, die der Gattung Mensch zugerechnet wird, ist die des Homo habilis.1) Der Homo habilis begann vor rund 2,5 Millionen Jahren seinen Weg. Sein Aussehen unterschied sich bereits deutlich von dem der äffischen Primaten. Er konnte seine Hände geschickt einsetzen und einfache Werkzeuge herstellen. Darüber hinaus war er ein guter Läufer, der es vermochte, den Wildherden zu folgen und  ab und an Fleisch oder Knochenmark zu erbeuten, deren Nährstoffreichtum seine weitere Entwicklung beförderte. Ausdauerndes Laufen erfordert jedoch viel Energie. Die für deren Bereitstellung notwendigen Verbrennungsprozesse setzen Wärme frei, die schnell nach außen abgegeben werden muss, um eine Überhitzung des Körpers zu vermeiden. Ein dichtes Fell ist da nur hinderlich. Der Homo habilis entledigte sich seines Pelzes und lief fortan nackt durch die Savanne. Außerdem bildete er Drüsen aus, die bei großer Anstrengung Flüssigkeit absondern. Bei der Verdunstung dieser Flüssigkeit wird dem Körper Wärme entzogen, was einen Kühleffekt zur Folge hat. Die unbehaarte Haut war jedoch nicht mehr gegen die harten Strahlen der afrikanischen Sonne geschützt. Sie bildete nun dunkle Pigmente, die diese Strahlung zu einem großen Teil absorbieren.

Die Erlangung tierischer Nahrung und die dazu erforderliche Entwicklung der läuferischen Fähigkeiten wurden zentrale Punkte für das Überleben und die Fortentwicklung der Art. Zur Verbesserung der Laufleistung ist ein schmaleres Becken vorteilhaft. Auf der anderen Seite ermöglichte die nährstoffreiche Nahrung das Wachstum des Gehirns, was den intellektuellen Fähigkeiten und damit letztlich auch der Jagd zugute kam. Das Gehirn wird jedoch bereits im Mutterleib angelegt. Ein größeres Gehirn hatte also einen größeren Kopf des Fötus zur Folge. Da der Kopf bereits bei der Geburt eine relativ stabile Form besitzen muss, war ein breiterer Geburtskanal erforderlich, was wiederum nicht mit einem schmaleren Becken zusammenging. Dieses Dilemma konnte nur durch eine Verkürzung der Tragezeit aufgelöst werden. Eine kürzere Tragezeit hatte jedoch eine längere und aufwendigere nachgeburtliche Fürsorge zur Folge, eine Aufgabe, die naturgemäss den Frauen anheimfiel. Während also die Männer den Wildherden folgten, um tierische Nahrung zu beschaffen, kümmerten sich die Frauen um die Kleinkinder. Außerdem sammelten sie Wurzeln und Früchte, die den Speiseplan bereicherten. Da sie nicht unmittelbar an der Jagd teilnahmen, war ein schmaleres Becken für sie auch nicht mehr von primärer Bedeutung.

Das wachsene intellektuelle Potential ermöglichte es, die eingesetzten Werkzeuge zu verbessern und neue Jagdstrategien zu erproben. Es ermöglichte, die Kommunikation zu entwickeln, die für die gemeinsame Jagd wie auch für das Zusammenleben in der Gruppe immer wichtiger wurde. Die auf diesem Wege erreichten Fortschritte kamen wiederum der Ernährung zugute. Peu á peu ging die Entwicklung voran, manchmal machte sie wohl auch Umwege. Wie dem auch sei, vor rund 1,9 Millionen Jahren hatte sich eine neue Spezies der Gattung Mensch, der Homo ergaster, herausgebildet. Er sah dem heutigen Menschen schon ziemlich ähnlich. Der Homo ergaster war ein ausdauernder Läufer und ein guter Jäger, der nicht mehr nur auf verletzte oder verendete Tiere angewiesen war. Der Faustkeil wurde zu seinem universellen Werkzeug, das er mit großem Geschick zu fertigen und vielfältig einzusetzen vermochte. Und er schützte seinen Körper mit Kleidern, die er aus Tierfellen und Häuten fertigte. Das ganz große Ding jedoch war, dass es der Homo ergaster lernte, das Feuer zu händeln, das heißt, es selbst zu entfachen. Das Feuer brachte ihm mehrfachen Vorteil – als Schutz vor Raubtieren, als Wärmequelle und vor allem als Möglichkeit zur Aufbereitung der Nahrung. Gegarte Nahrung ist leichter verdaulich und damit effektiver in Energie umwandelbar. Außerdem werden durch das Erhitzen Keime getötet, was das Fleisch bekömmlicher und haltbarer werden ließ. Die damit einhergehende Stabilisierung der Ernährungsbasis erlangte für die weitere Entwicklung herausragende Bedeutung.

Schon wenig später, was sind schon hunderttausend Jahre in den Dimensionen der Evolution,  trat ein weiterer Vertreter der Gattung Mensch ins Rampenlicht, der Homo erectus. Er scheint aus Populationen des Homo ergaster, die auf der Suche nach neuen Jagdgründen in Richtung Asien ausgewandert waren, hervorgegangen zu sein. Der Homo erectus war ebenfalls ein ausdauernder Läufer. Er verfeinerte die Jagdstrategien, um seinen Bedarf an tierischer Nahrung zu decken. Man fand Pfeil- und Speerspitzen, aber auch Harpunen und Angeln, die ihm zugeordnet werden. Er benutzte vielfältige Werkzeuge, die er teilweise weiterentwickelt oder gar neu ersonnen hatte. Darüber hinaus fand man von ihm gefertigten Schmuck, der von einem gestiegenen Selbstbewusstsein zeugt. Das wachsende Selbstbewusstsein war Widerschein der einsetzenden sozialen Differenzierung in den Gruppen. Die allgemein größer werdende Bandbreite an Fertigkeiten brachte nämlich Individuen hervor, die sich durch besondere Fähigkeiten auszeichneten. Sie hoben sich von anderen ab, was sie selbst durch besondere Kleidungsstücke oder Schmuck unterstrichen. Die Differenzierung der Fertigkeiten verstärkte gleichzeitig das Bedürfnis nach Kommunikation. Einzelne Laute und Gesten reichten bald nicht mehr aus, um den daraus resultierenden Erfordernissen zu genügen. Immer neue Lautkombinationen und ganze Lautfolgen wurden gebraucht, um die verschiedenen Sachverhalte zu bezeichnen. Dies stellte nicht nur hohe Anforderungen an die intellektuellen Fähigkeiten, auch physische Veränderungen zur besseren Lautbildung, wie die Absenkung des Kehlkopfes, wurden erforderlich.

Der Homo ergaster wie auch der Homo erectus existierten rund eine Millionen Jahre. In dieser überaus langen Zeitspanne mögen immer wieder Gruppen entstanden sein, die sich durch besondere Merkmale und Eigenschaften auszeichneten. Behaupteten sich diese Gruppen erfolgreich, dann wuchs deren Population. Ihr genetisches Potential verbreitete sich. Einige dieser Gruppen entwickelten sich zu eigenständigen Arten. Besondere Bedeutung für die Herausbildung des modernen Menschen erlangte der Homo heidelbergensis, der vor rund 800.000 Jahren in Erscheinung trat. Er war ein muskulöser Jäger, der mit seinen hölzernen Wurfspeeren auch größere Tiere erlegen konnte. Sein großes Gehirn deutet darauf hin, dass er über ausgeprägte Sinne verfügte, die ihm bei der Jagd aber auch beim Schutz vor gefährlichen Raubtieren gute Dienste leisteten. Auf ihren Streifzügen waren Gruppen dieser Spezies nach Europa und Asien gelangt, andere blieben in Afrika. Die Gruppen, die es nach Europa verschlug, fanden dort ausreichend Wild vor. Außerdem gab es nicht so viele der krankmachenden Insekten, die in manchen Teilen Afrikas das Leben nahezu unmöglich werden ließen. Dafür mussten im Norden Klimaschwankungen mit wiederkehrenden Perioden lebensfeindlicher Kälte in Kauf genommen werden. Die Kälteperioden konnten tödlich sein, nur die stärksten hatten eine Überlebenschance. In dem daraus resultierenden Auswahl- und Anpassungsprozess entstand vor rund 200.000 Jahren die Spezies der Neandertaler.1)

Der Neandertaler war noch muskulöser und stämmiger als seine Vorfahren. Die große Körperkraft gepaart mit ausgeprägten Sinnen ließ ihn zu einem erfolgreichen Großwildjäger werden. Auch seine handwerklichen Fähigkeiten waren beachtlich. Der Neandertaler stellte Werkzeuge her, darunter Faustkeile, Schaber, Spitzen und längliche Klingen und bearbeitete sie so, dass sie dem jeweiligen Zweck am besten dienlich waren.2) Er behandelte Tierfelle und fertigte daraus Kleidung und Decken, um sich vor der Kälte zu schützen. Außerdem gilt der Neandertaler als Erfinder des Klebstoffs. Mit Birkenpech befestigte er Steinspitzen an Speeren. Diese wurden damit zu gefährlichen Waffen, mit denen sogar Mammuts attackiert werden konnten. Die Großwildjagd erbrachte viel Fleisch, das zur Basis seiner Ernährung wurde. Bei den meist tiefen Temperaturen konnte es über lange Zeit genießbar gehalten werden. Die Großwildjagd war jedoch ein gefährliches Unterfangen. Aus Verletzungen konnten dauerhafte körperliche Schäden resultieren. Die insgesamt schwierigen Lebensbedingungen schlugen sich in einer relativ geringen Lebenserwartung nieder. Daher waren die sozialen Gruppen, in denen der Neandertaler lebte, eher klein. Meist beschränkten sie sich auf die engere Familie.

Auch in Afrika ging aus dem Homo heidelbergensis eine neue Art hervor, der Homo sapiens. Er hatte ebenfalls mit den Unbilden der Natur zu kämpfen. In Afrika waren es wiederkehrende Dürreperioden, die irgendwann dazu führten, dass nur diejenigen überlebten, die in der Lage waren, ausreichend tierische Nahrung zu erbeuten. Allerdings war in der Savanne nicht so sehr ein Zuwachs an körperlicher Kraft, als vielmehr eine Verbesserung der läuferischen Fähigkeiten gefragt. Vor diesem Hintergrund griffen genetische Veränderungen Raum, die den Homo sapiens zu einem überaus ausdauernden Läufer werden ließen.3) Er war in der Lage, Wild bis zur Erschöpfung zu hetzen. Außerdem war er gewitzt genug, sich im vorhinein Depots mit Wasser oder Nahrung anzulegen, die ihm einen zusätzlichen Vorteil bei der Verfolgungsjagd sicherten. Jedenfalls kann man ein ähnliches Verhalten noch heute bei einigen afrikanischen Stämmen beobachten. Ausdauer und geistige Flexibilität waren aber nicht nur für die Jagd von Bedeutung, sie waren auch wichtige Voraussetzungen, um andersartigen Jägern, zum Beispiel schnellen und wendigen Raubkatzen, zu entkommen. Mitunter war es erforderlich, blitzschnell auf eine veränderte Situation zu reagieren. Diese geistige Beweglichkeit verhalf den Homo sapiens auch zu Ideen für immer neue und raffiniertere Werkzeuge und Waffen. Darin waren sie ihren Vettern im kalten Europa voraus. Gemeinsam war ihnen der Drang zur Wanderschaft, der aus der stetigen Suche nach jagdbaren Wild erwuchs. Während die Neandertaler dabei weite Teile Asiens erkundeten, verbreiteten sich die Homo sapiens über den afrikanischen Kontinent, bevor sie vor rund 125.000 Jahren in den Nahen Osten vordrangen. Von dort aus verschlug es sie nach Asien, Australien und nach Europa, wo sie Schritt für Schritt Gebiete, aus denen die Neandertaler verschwunden waren, besetzten.

Wieso aber konnten die Homo sapiens während der Eiszeit nach Europa einwandern und dort überleben, obwohl sie als Afrikaner doch eigentlich nicht für dieses Klima geschaffen waren? Und wieso überlebten die Europäer, die doch eigentlich perfekt den klimatischen Bedingungen angepasst sein sollten, diese Zeit nicht? Die Neandertaler waren zwar gut an die rauen klimatischen Verhältnisse des Nordens angepasst, trotzdem machten ihnen die Klimaschwankungen und vor allem die drastischen Kälteeinbrüche schwer zu schaffen. Sie waren kräftige Jäger, aber ihre Muskeln wie auch ihr großes Gehirn verbrauchten viel Energie. Wurde die Jagd schwieriger, weil Teile des Wilds einen Kälteeinbruch nicht überlebt hatten oder davongezogen waren, dann wurde es auch für die Neandertaler eng. Ihre Energiebasis und damit auch ihre Überlebenschancen schwanden dahin. Immer wieder wurde die Population dezimiert und in einzelnen Gebieten sogar gänzlich ausgelöscht. Man geht davon aus, dass selbst in besten Zeiten höchstens 70.000 ihrer Art in den Weiten des Nordens von Spanien bis Sibirien unterwegs waren.2) In schlechten Zeiten mögen es deutlich weniger gewesen sein, die in kleinen Gruppen und mit wenig Kontakt untereinander umherzogen. Unter solchen Umständen konnte schon das unglückliche Aufeinandertreffen mehrerer lebensfeindlicher Faktoren zum Erlöschen der gesamten Population führen. Dies war offensichtlich vor rund 39.000 Jahren der Fall.

Aber da ist immer noch die Frage, wieso die Homo sapiens dort überleben konnten, wo die Neandertaler ausstarben. Während die Neandertaler für die Großwildjagd starke Muskeln und scharfe Sinne entwickelt hatten, die viel Energie verbrauchten, besaßen die Homo sapiens als ausdauernde Läufer einen eher schmalen Körperbau, der deutlich weniger Energie benötigte. Sie waren zur Deckung ihres Energiebedarfs nicht auf die Großwildjagd angewiesen. Kleinere Tiere, ergänzt durch pflanzliche Kost, konnten durchaus ihren Energiehunger stillen. Allerdings, wer weniger verbrennt, produziert auch weniger Wärme und friert schneller. Diesen Nachteil glichen die Homo sapiens durch bessere Kleidung aus. Außerdem beherrschten sie das Feuer perfekt. Sie nutzten es nicht nur als Wärmequelle sondern auch zur vielfältigen Aufbereitung der Nahrung. Es wurde nicht nur Fleisch gegart, auch Pflanzen und deren Früchte, darunter solche, die sonst nur schlecht oder gar nicht für die Ernährung nutzbar waren, konnten zubereitet werden. Und sie brachten Neuerungen, wie die Gärung und die Fermentierung mit, die die Kost alternativreicher gestalteten. Da ihre Waffen ausgefeilter waren als die der Neandertaler, gelang ihnen auch der ein oder andere Jagderfolg, der ihren nordischen Vettern nicht vergönnt war. Die geistige Beweglichkeit verhalf ihnen also zu Vorteilen im Überlebenskampf.

Waren die Homo sapiens intelligenter als die Neandertaler, obwohl ihr Gehirn doch offensichtlich kleiner war? Für diese Frage sind zwei Gesichtspunkte von Bedeutung: die individuellen Fähigkeiten zur Verarbeitung von Informationen und der den Individuen zugängliche Fundus an Erfahrungen. Individuelle Unterschiede hinsichtlich der Fähigkeit zur Verarbeitung von Informationen entstanden und entstehen immer wieder. Das gilt für die Neandertaler wie auch für die Homo sapiens. Auch die Art und Weise mit der Informationen verarbeitet werden, das Vermögen zur Abstraktion und Kombination, ist bei beiden wohl ähnlich ausgeprägt gewesen. Höhlenmalereien zeugen jedenfalls davon, dass auch die Neandertaler durchaus über diese Fähigkeiten verfügten. Grundlage für geistige Prozesse sind die aus der Umwelt gewonnenen Informationen. Mag sein, dass die Neandertaler leichte Vorteile ob der Schärfe ihrer Sinne besaßen, doch auch in Bezug auf die ihnen möglichen Wahrnehmungen sollten die Gemeinsamkeiten der Arten deutlich überwogen haben. Gleiches gilt für die grundsätzliche  Fähigkeit zur Speicherung und Weitergabe von Erfahrungen. Wenn sie sich in ihren geistigen Fähigkeiten aber so wenig unterschieden, worin war dann die intellektuelle Überlegenheit der Homo sapiens begründet?

Der entscheidende Unterschied zwischen den Arten entstand durch die sozialen Verbünde, in denen sie lebten. Die Neandertaler zogen in kleinen, auf die engere Familie beschränkten Gruppen durch die Lande, wobei sie nur selten auf ihresgleichen trafen. In diesen, auf die gemeinsame Jagd fokussierten Gemeinschaften entstanden vergleichsweise wenig Anreize zur Entwicklung der Kommunikation. Die Gemeinschaften der Homo sapiens waren dagegen immer größer geworden, nicht zuletzt, weil die gesamte Population wuchs. Dieses Wachstum fußte auf einer breiter gewordenen Ernährungsbasis, die eine schnellere Geburtenfolge ermöglichte. Außerdem nahm die Lebenserwartung der Individuen zu, vor allem weil sie sich besser zu schützen vermochten und weil sie nicht auf die gefährliche Großwildjagd angewiesen waren. In den größer werdenden Gemeinschaften fanden sich naturgemäss öfter Individuen, die über besondere Fähigkeiten verfügten und die mit ihren Kenntnissen den Erfahrungsschatz der Gemeinschaft in besonderem Maße bereicherten. Damit die Erfahrungen dauerhaft die Lebensgrundlagen stärken konnten, mussten sie in der Gruppe und darüber hinaus bewahrt, das heißt weitergegeben werden, was mit qualitativ neuen Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit verbunden war. Die Entwicklung der Kommunikation sicherte, dass ein schnell wachsender Erfahrungsschatz zum entscheidenden Vorteil des Homo sapiens im Überlebenskampf wurde. Mit diesen Errungenschaften und Fähigkeiten gesegnet, konnte er auch dort überleben, wo andere Arten der Gattung Mensch keine Chance hatten. Ob er selbst beim Untergang anderer nachgeholfen hat, ist nicht erwiesen. Fakt ist aber, dass der Homo sapiens zur einzig verbliebenen Art der Gattung Mensch avancierte. Er wurde zum „modernen“ Menschen.

zuletzt geändert: 10.09.2017

Quellen:

1) Der Neandertaler, GEO kompakt Nr. 41, 2014 – Der dort skizzierte Stammbaum des Menschen wurde hier zugrundegelegt. Es sei darauf verwiesen, dass auch andere Modelle diskutiert werden.

2) Josef H. Reichholf, Das Rätsel der Menschwerdung

3) Ulrich Bahnsen, Familie Mensch, Die Zeit Nr. 39/2016 vom 15.09.2016

Quelle Artikelbild – Ausschnitt aus der Bemalung der Sixtinischen Kapelle in Rom, Michelangelo

 

Gruppendynamik

Elefanten

Die Straße scheint ja gerade noch breit genug zu sein, damit alle schön nebeneinander laufen können. Die Großen am Rand schützen die Flanken. Die Kleinen sind mittendrin, wohlbehütet. Auf diese Weise ist die Gruppe sicher. Anscheinend hat ihnen aber niemand gesagt, dass sie auch auf Autos achten sollten. Die Evolution hat nämlich irgendwann fahrende Blechschüsseln hervorgebracht, die nun die Wege unsicher machen. Das Überleben wird immer schwieriger, nicht nur für Elefanten.

Die Geschichte der Evolution ist jedoch gar nicht so sehr von komplexer werdenden Situationen geprägt, als vielmehr von den wachsenden Möglichkeiten der Tiere, verschiedenartige Informationen in einen Entscheidungsprozess einzubeziehen. Dazu werden die Informationen, die die verschiedenen Sinneszellen über die Außenwelt liefern, mit Erfahrungen abgeglichen und bewertet. Die Bewertungen spiegeln sich in Gefühlen wider, mit denen die Informationen in die Prioritätenfindung eingehen. Zur Gesamtschau kommen darüber hinaus Informationen über die eigene Befindlichkeit hinzu. Hunger, Durst oder Müdigkeit können das Verhalten durchaus beeinflussen und Krankheiten oder Schmerzen die körperlichen Möglichkeiten beschränken. Ein Reh mit einem verletzten Lauf hat keine Chance dem Wolf durch Flucht zu entkommen. Seine Entscheidung kann nur darin bestehen, sich rechtzeitig zu verstecken und zu hoffen, dass Isegrimm nicht aufmerksam wird. Will sich das Reh verstecken, muss es eine Vorstellung von sich selbst haben. Größe und Fellfarbe müssen mit dem gewählten Versteck harmonisieren, damit es dem geübten Auge des Räubers entgeht. Mag sein, dass in diesem Fall die Kriterien für ein Versteck nicht aus der Selbstreflexion des Rehs erwachsen, sondern instinkthaft vorhanden sind. Mit der Zeit gewinnen die Tiere jedoch immer mehr Fähigkeiten, die nur sinnvoll eingesetzt werden können, wenn auch eine Vorstellung von der eigenen Verfasstheit vorhanden ist. Ist der Arm zu kurz, um an das Leckerli zu gelangen, wird sich das Äffchen nach mehreren nutzlosen Versuchen womöglich ein Stöckchen nehmen und sich mit dessen Hilfe den Happen angeln. Damit hat es etwas über seine körperliche Begrenztheit erfahren und gleichzeitig sein Verhalten darauf eingestellt.

Die Einschätzung der eigenen Möglichkeiten gewinnt in einer Gruppe noch weitaus größere Bedeutung. Eine Gruppe, ein sozialer Verbund funktioniert nur, wenn jeder seine Stellung und seine Aufgaben kennt und entsprechend handelt. Das Kennen der eigenen Aufgaben schließt ein, dass auch eine Vorstellung davon existiert, welche Stellung die anderen im Verbund innehaben. Voraussetzung für diese soziale Differenzierung ist, dass die Mitglieder der Gruppe auseinandergehalten werden können. Sie müssen anhand bestimmter physischer Besonderheiten oder typischer Verhaltensweisen unterschieden werden. Dafür ist ein irgendwie geartetes Bild von den anderen erforderlich. „Bild“ ist hier nicht unbedingt wörtlich zu nehmen, denn zur Identifikation anderer Individuen können auch ihr Geruch, der Klang ihrer Stimme oder andere Merkmale beitragen. Wenn man von allen anderen ein „Bild“ hat, dann mag irgendwann das Bedürfnis entstehen, auch sich selbst zu identifizieren, das heißt, sich von anderen abzugrenzen. Eine derartige Abgrenzung kann an physischen Merkmalen wie Geschlecht, Alter oder Körpergröße festgemacht werden. Einige Tierarten haben darüber hinaus eine recht differenzierte Vorstellung von ihrem eigenen Abbild entwickelt. Sie erkennen ihr Spiegelbild. Dieses visuelle Erkennen führt zu einer Bewertung des eigenen Bildes, und sei es drum, dass da ein ärgerlicher Fleck auf dem Federkleid ist, der da nicht hingehört.

Neben den äußeren Merkmalen spielen Körperkraft, Schnelligkeit oder Geschicklichkeit eine wichtige Rolle. Sie unterscheiden die Akteure und sind für deren Stellung in der Gruppe von Bedeutung. Spätestens dann, wenn diese Fähigkeiten im Kampf um die Rangstellung eingesetzt werden, bleiben sie im Gedächtnis der anderen haften. Die Erfahrung dieses Kampfes und die mit ihm verbundene Bewertung der Protagonisten wird fürderhin das Verhalten in der Gruppe prägen. Der Stärkste ist der Chef, dem alle Gehorsam schulden. Auf diese Weise bildet sich eine Hierarchie heraus, die zu einem wichtigen Merkmal des Lebens der Gruppe wird. Sie hilft eine effektive Kooperation zu sichern, außerdem befördert sie die natürliche Auslese, da es dem Stärksten vorbehalten ist, seine Gene weiterzugeben.

Die Entstehung sozialer Gruppen ist eng mit der Entstehung des Gedächtnisses und der Herausbildung von Entscheidungsprozessen verbunden. In diesem Sinne sind Insektenstaaten oder Fischschwärme keine sozialen Gruppen. Ihr Verhalten wird durch die ererbten Automatismen des Handelns bestimmt, das heißt, eine Bewertung von Situationen oder Verhaltensweisen findet nicht statt. Ein erster Höhepunkt in der Entwicklung von Entscheidungsprozessen wird durch das Zeitalter der Dinosaurier markiert. Soweit man weiß, hatten deren Gruppen jedoch nur gering ausgeprägte soziale Strukturen. Immerhin mag die Gruppe einen gewissen Schutz vor Angreifern gewährt haben. Gleichzeitig konnte man sich bei der Suche nach Nahrung oder Wasser unterstützen. Komplexer war das Zusammenwirken sicher bei Arten, die gemeinsam auf Jagd gingen. Für die gemeinsame Jagd ist ein Mindestmaß an Kommunikation erforderlich, um ein koordiniertes Verhalten zu gewährleisten.

Nach der großen Katastrophe und dem Untergang der Dinosaurier traten Säugetiere und Vögel deren Erbe an. Vögel bilden Zweckgemeinschaften, die im beachtlichen Maße helfen, existenzielle Probleme der Tiere zu lösen. Hierarchien spielen in diesen Gemeinschaften jedoch kaum eine Rolle. Das sieht bei den Säugetieren anders aus. Zwar sind die sozialen Gruppen der Säugetiere vielgestaltig, es entstanden kleine Familienverbände genauso wie große Herden, aber eine soziale Rangordnung ist in ihnen die Regel. Zum Anführer einer Herde schwingen sich meist die stärksten Tiere auf, mitunter auch die klügsten. Sie stehen für eine längere Zeit an der Spitze der Hierarchie. In Vogelschwärmen beobachtet man dagegen, dass sich die Tiere in der Führungsrolle, so denn eine solche notwendig ist, abwechseln. Beiden Varianten ist gemeinsam, dass die Verantwortung der Entscheidungsfindung an den Anführer abgegeben wird, obwohl jedes einzelne Tier durchaus zu Entscheidungen fähig ist. Sehr eindrucksvoll lässt sich dies bei Pferden beobachten, die am liebsten blind dem Leittier folgen. Signalisiert dieses eine Gefahr, rennen alle los, als wären sie selbst gerade gebissen worden. Herdentrieb soll allerdings auch bei Menschen schon beobachtet worden sein.

Mit den wachsenden geistigen Fähigkeiten der Tiere wurde das Sozialgeflecht in ihren Gruppen vielschichtiger. Es basierte nun nicht mehr nur auf Unterordnung unter das Leittier, sondern es bildeten sich auch unterschiedlich gefärbte Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Gruppe heraus. Die einzelnen werden nun nicht mehr nur erkannt, ihnen wird unabhängig von der Rangstellung auch eine Bewertung beigegeben. Diese Bewertung drückt sich in einem Gefühl aus, das mit den Individuen verbunden wird. Durch die Wahrnehmung dieses Gefühls wird das Verhalten zu diesem Individuum beeinflusst. Mit einigen pflegt man engeren Kontakt, anderen geht man lieber aus dem Wege. Die Wertschätzung, die man dem einzelnen entgegenbringt, kann zum Beispiel durch besondere Erlebnisse geprägt sein. Hat jemand aus der Gruppe in einer schwierigen Situation geholfen oder Schutz gewährt, dann wird diese Erfahrung die Beziehung zum Helfer in besonderem Maße beeinflussen. Man könnte das damit verbundene Gefühl als Dankbarkeit beschreiben. Aber auch Zorn über erfahrene Nichtachtung, Neid auf den Erfolg des anderen oder Abscheu als Ausdruck völliger Ablehnung können solche besonderen Beziehungen ausdrücken.

Die Einschätzung, die man mit anderen verbindet, wird aber nicht nur durch eigene Erlebnisse bestimmt. Andere in der Gruppe sammeln ebenfalls Erfahrungen, die sie bereitwillig weitergeben. Auf diese Weise nehmen sie Einfluss auf die Meinung anderer. Eine solche Einflussnahme ist bereits durch das Verhalten dem Betreffenden gegenüber, da es von den anderen beobachtet wird. Bewertungen werden jedoch auch auf direktem Wege kommuniziert, zumal auf diese Weise die Gruppe gezielt beeinflusst werden kann. Das Verhalten der anderen lässt allerdings Rückschlüsse über die eigene Stellung in der Gruppe zu. Dieses Feedback kann die Selbsteinschätzung bestätigen, oder auch nicht. Fällt die Rückbestätigung anders aus, als es die Selbstbewertung erwarten ließ, dann bahnt sich ein Konflikt an. Da die Gruppe die harte Realität darstellt, wäre es klug, das Eigenbild zu korrigieren und damit möglichen Konfrontationen vorzubeugen. In den sozialen Beziehungen bestimmt die gebotene Klugheit jedoch eher selten das Handeln. Es sind zu viele Emotionen im Spiel.

Entstanden ist die soziale Kommunikation wahrscheinlich für die Organisation des Zusammenlebens. Allerdings sind einige der Meinung, dass Klatsch und Tratsch die Triebfedern des Fortschritts seien. Wie dem auch sei, die Mittel der Kommunikation haben sich im Laufe der Evolution Schritt für Schritt herausgebildet. Begonnen hatte alles mit den Botenstoffen. Genauso wie innerhalb der Lebewesen die Koordination der Zellen und Organe mit Botenstoffen geregelt wird, so werden Botenstoffe auch für die Kommunikation mit anderen Lebewesen genutzt. Blütenpflanzen setzen zum Beispiel Botenstoffe frei, um Insekten anzulocken. Die Insekten sollen den Blütenstaub weitertragen und so die geschlechtliche Vermehrung der Pflanze sichern, die sich ja selbst nicht von der Stelle rühren kann. Für ihre Dienste werden die Insekten mit Zucker belohnt. Bei Bienen hat man beobachtet, dass sich die Tiere mit bestimmten Verhaltensweisen untereinander verständigen und zum Beispiel mit einem „Tanz“ auf Nahrungsfundorte aufmerksam machen. Diese Kommunikation beruht darauf, dass ein bestimmtes Verhalten mit einer festgelegten Bedeutung verbunden ist. Diese Bedeutung muss die Biene nicht erlernen, dieses „Wissen“  ist in ihren Genen verankert.

Tieren, die Erfahrungen in ihr Verhalten einfließen lassen können, eröffnen sich neue Möglichkeiten der Kommunikation, ohne dass auf bewährte Mittel verzichtet würde. So werden weiterhin Botenstoffe eingesetzt, zum Beispiel um bestimmte körperliche Dispositionen zu signalisieren. Ist der Körper der Löwin zur Empfängnis bereit, setzt er einen Stoff frei, der, so er von einem Löwen registriert wird, bei diesem Paarungsdrang auslöst. Ebenso gibt es Verhaltensweisen, deren Bedeutung instinktiv verstanden wird. Dass das Schwanzwedeln eine freudige Erregung ausdrückt, braucht der junge Hund nicht zu lernen, es gehört zu seinem ererbten Wissen. Dass der aufgestellte Schwanz der Katze dagegen nichts mit freudiger Erwartung zu tun hat, kann er schwerlich begreifen. Schmerzhafte Erfahrungen werden ihn lehren, solchen Tieren tunlichst aus dem Weg zu gehen. Den ererbten Mitteln der Kommunikation können mit der Entwicklung des Gedächtnisses neue, flexible Formen hinzugefügt werden. Sie ermöglichen es, in stärkerem Maße die besondere Lebenswirklichkeit der Gruppe in die Kommunikation einfließen zu lassen. Damit auf dieser Basis Verständigung gelingt, müssen die eingesetzten Mittel, zum Beispiel bestimmte Laute oder Verhaltensweisen, von allen in gleicher Weise interpretiert werden. Die Interpretationen bekommt man jedoch nicht in die Wiege gelegt, man muss sie erlernen.

Lernen kann man zum Beispiel durch Nachahmen. Mit dem Nachahmen entsteht eine eigene Erfahrung, die vom Gedächtnis bewahrt wird. Durch das Nachempfinden einer Stuation werden auch die mit ihr verbundenen Gefühle transportiert. Auf diese Weise kann für den Lernenden das gute Gefühl des Erfolgs wie auch das Unangenehme der Niederlage erfahrbar werden, auch wenn er selbst nicht direkt am Geschehen beteiligt war. Erfahrungen können ebenso durch das Vorspielen der Situation weitergegeben werden, ohne dass eine Nachahmung erfolgt. Durch Vorspielen und intensives Beobachten werden die mit der Situation verbundenen Bewertungen ebenfalls vermittelt. Allerdings kann im Alltag das erforderliche oder erwartete Verhalten nicht jedes Mal vorgespielt werden, um andere zu einer entsprechenden Handlung zu bewegen. Die dafür notwendige Zeit ist schlicht nicht vorhanden. Für die Verständigung müssen also Verkürzungen oder Abstraktionen gefunden werden, um mit wenigen Lauten, speziellen Minenspielen oder Gesten eine bestimmte Situation respektive ein bestimmtes Verhalten symbolhaft zu bezeichnen. Diese Verkürzungen oder Symbole lösen beim gegenüber, der deren Bedeutung kennt, weil er sie erlernt hat, die geforderte Reaktion aus. Einen Hund kann man trainieren, dass er Befehle in Form von Lautfolgen oder Gesten erkennt und das mit diesen Befehlen geforderte Verhalten abliefert. Dieses Erlernen von Befehlen ist erfolgreich, weil die Fähigkeit Zeichengebungen oder Laute mit einem bestimmten Verhalten zu verbinden, in der Natur des Hundes angelegt ist, das heißt, sie spielt auch in der Kommunikation im Rudel eine Rolle.

Mit der wachsende Bedeutung der Gruppe für das Überleben des einzelnen werden die Entscheidungen zu sozialen Beziehungen immer wichtiger. Sie werden neben der natürlichen Umwelt und dem eigenen Körper zur dritten Wirklichkeit, mit der man sich auseinandersetzen muss. Die Menschenaffen und unsere tierischen Vorfahren aus der Gattung der Homininen verkörpern einen Höhepunkt dieses Entwicklungsprozesses. Er manifestiert sich nicht nur in durchdachten Jagdstrategien, in der Nutzung von Werkzeugen und der Herausbildung einer Arbeitsteilung innerhalb der Gruppe, sondern auch in der Vielfalt der Kommunikation untereinander. Die sozialen Beziehungen werden differenzierter und sind oftmals von Sympathien und Antipathien geprägt. In diesem Kontext erhalten Ereignisse mitunter eine unterschiedliche Bewertung, in Abhängigkeit davon, wen sie betreffen. So wird zum Beispiel das Missgeschick eines anderen Mitgefühl auslösen, wenn dieser andere zu den Freunden zählt, oder aber Schadenfreude, wenn dies eher nicht der Fall ist. Der Verlust eines Nahestehenden wird schmerzlich empfunden, der Tod eines Gegners möglicherweise als Triumph. Den Gefühlen, denen wir hier unterschiedliche Namen geben, liegen jedoch in letzter Konsequenz körperliche Reaktionen zugrunde, die als angenehm oder unangenehm empfunden werden. Ihre Unterscheidung resultiert in erster Linie aus den sozialen Konstellationen, mit denen sie verbunden sind.

Eine weitere Gruppe von Gefühlen ist mit der Reflexion von Entscheidungen verknüpft. Die Reflexion kann, je nach dem erzielten Ergebnis, Zufriedenheit aber auch Ärger oder Bedauern auslösen. Mit „Bedauern“ wird hier ein Gefühl bezeichnet, das mit dem fehlenden Erfolg der Entscheidung verbunden ist. Dieses unangenehme Gefühl führt zu einer Neubewertung der Ausgangssituation. Es befördert also einen Lernprozess. Ist das Ergebnis einer Entscheidung sogar von Nachteil, dann kann das Gefühl auch „Ärger“ sein. Das heißt, es fällt stärker aus, was entsprechende Folgerungen für das zukünftige Herangehen an vergleichbare Situationen hat. Falls noch jemand anderes Einfluss auf die Entscheidung genommen hatte und so den Misserfolg mitbegründete, richtet sich der Ärger oder Zorn gegen diesen. Stellt sich eine eigene Entscheidung, die andere Mitglieder der Gruppe betraf, als unpassend oder falsch heraus, dann wird das als peinlich empfunden. Diese Pein ist ebenfalls ein starkes Gefühl, da mit einem solchen Fehler womöglich die eigene Stellung in der Gruppe untergraben wird. Noch gravierender ist es, wenn man die Versehrtheit oder gar den Tod eines anderen verursacht. Diese Schuld verlangt Sühne. Aus ihr erwächst ein Konflikt, der die gesamte Gruppe betrifft.

Mit der Herausbildung eines vielschichtigen sozialen Geflechts entsteht auch die Möglichkeit, dass nicht der körperlich Stärkste die Hierarchie der Gruppe anführt, sondern dass geschickt geschmiedete Bündnisse die Macht erobern. Die Intrige tritt ins Leben. Eine ihrer Besonderheiten besteht darin, dass nicht Sympathie und Zuneigung den Antrieb für das Bündnis bilden, sondern das Kalkül des Machtzuwachses. Macht sichert den Zugang zur besten Nahrung und eröffnet ungeahnte Möglichkeiten für die Verbreitung des eigenen Samens. Macht beschert gute Gefühle. Zur Erlangung der Macht braucht man Mitstreiter. Es ist sicher hilfreich, die Beziehungen der anderen zueinander zu beobachten, um Anhaltspunkte über deren Pläne und Motive zu erhalten. Vielleicht ergeben sich daraus Möglichkeiten zur Gewinnung von Komplizen. Um potentielle Mitstreiter tatsächlich für die eigenen Pläne zu gewinnen, wird dann auch mal übertrieben oder falsch Zeugnis abgelegt. Die wachsenden geistigen Fähigkeiten werden also beileibe nicht nur zu Nutz und Frommen der Gemeinschaft eingesetzt. Eigentlich ist es beinahe beruhigend, dass bereits unsere tierischen Vorfahren das Spiel um die Macht erfanden. Es ist aber auch beunruhigend, dass es so tief in der Evolution verwurzelt ist. Immerhin sind die machtgierigen Ränkeschmiede auch unter den Tieren nur ein Teil der Gruppe, ein anderer versucht Streit zu schlichten und ein friedliches Miteinander zu bewahren.

zuletzt geändert: 13.08.2016

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Wahrnehmungen

wolf

Mit den Wahrnehmungen fing alles an. Beim Nachdenken darüber, wie unsere Sinne funktionieren, wurde klar, dass sie uns auf verschiedene Weise Informationen zu Strukturen und Bewegungen in unserer Umwelt vermitteln. Die sinnlichen Attribute dieser Wahrnehmungen, wie Helligkeit, Farben, Geräusche, Geschmack oder Geruch, sind keine Eigenschaften dieser Strukturen und Bewegungen sondern Imaginationen des Gehirns. Aber warum das alles?

Nun, noch immer gilt es, die Prioritäten des Handelns zu bestimmen. Dazu müssen die aus der Umwelt und dem eigenen Körper verfügbaren Informationen verarbeitet werden. Das bedeutet, sie werden identifiziert, bewertet und zueinander in Beziehung gesetzt. Informationen über die Umwelt liefern die Sinnesorgane, die in aller Regel in oder auf der Außenhaut platziert sind. Sie registrieren das Auftreffen von Atomen und Molekülen, die sie durch ihre Struktur oder über ihre Außenwirkung unterscheiden. Andere Sinneszellen können das Einwirken von Energie, also von Bewegungen signalisieren, die zum Beispiel als Licht, als Schall oder als Druck daherkommen. Das Eintreffen einer solchen Struktur oder Bewegung führt in der Sinneszelle zur Auslösung eines elektrischen Impulses, der an das Gehirn weitergeleitet wird. Der elektrisch Impuls trägt selbst keine Angaben über die Art der Information, die ihn auslöste, insich. Die Differenziertheit der Informationen wird dadurch bewahrt, dass die Impulse der einzelnen Sinneszellen jeweils spezielle neuronale Strukturen im Gehirn ansprechen.

Den Informationen der Sinneszellen, die als elektrische Impulse im Gehirn ankommen, muss dort ein „Sinn“ zugeordnet werden. Jede einzelne Sinneszelle liefert jeweils nur einen Impuls, der eine Nervenzelle im Gehirn aktiviert. Da dies viele Sinneszellen gleichzeitig tun, kommt die Information in Form einer Impulsstruktur im Gehirn an, wo sie eine Entsprechung in der aktivierten Struktur von Neuronen findet. Diese wird mit den neuronalen Strukturen, in denen die Erfahrungen gespeichert sind, abgeglichen. Auf die Erfahrungen, mit denen die meisten Übereinstimmungen festgestellt werden, kann sich die aktuelle Information beziehen. Ihre neuronalen Netze verbinden sich, wobei die Bewertung, die der Erfahrung anheftet, auf die neue Information übergeht. Sie erhält einen Sinn. Gleichzeitig wird das mit der Erfahrung verbundene Verhaltensmuster, das die Reaktion auf diese spezielle Information beinhaltet, aktiviert. Einzelne der auf diese Weise angeregten Verhaltensmuster gelangen unmittelbar zur Ausführung. Man bezeichnet sie als Reflexe. Die Reflexe sind in einer relativ frühen Phase der Evolution entstanden und betreffen meist grundlegende Anforderungen des Überlebens.

Für Cyanobakterien war es schon vor Urzeiten wichtig, das lebensspendende Sonnenlicht zu erkennen. Nur mit seiner Hilfe konnte die Photosynthese realisiert werden. Trifft dieses Licht auf einen entsprechenden Sensor der äußeren Hülle, so setzt er eine Wirkung frei, die ein vorherbestimmtes Verhalten, hier die Bewegung zum Licht hin, hervorruft. Eine Bewertung der Information und eine Entscheidung sind nicht notwendig. Auf vergleichbare Weise lösen bei Pflanzen Impulse der Sinneszellen ein Verhalten aus. So orientieren viele Pflanzen ihr Wachstum zum Licht hin. Grundlage dafür sind Impulse von Sinneszellen, die Licht registrieren. Selbst die Sonnenblume schaut immer zum großen Lichtspender, obwohl dieser im Laufe des Tages seinen Platz am Firmament verändert. Die Sonnenblume muss dazu keine Entscheidung treffen, dieses Verhalten ist in ihrem Erbgut angelegt.

Ähnliches findet man auch bei Insekten. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Käfer das Gelb einer Blüte „sieht“ und er sie deshalb in Erwartung süßen Nektars ansteuert. Er registriert vielmehr Licht eines bestimmten Frequenzbereichs, das dieses Verhalten auslöst. Darüber muss er nicht nachdenken, es geschieht eben. Vor diesem Hintergrund wird auch die Funktionsweise der Facettenaugen, die ein Merkmal vieler Insekten sind, verständlich. Diese Augen liefern kein ganzheitliches Bild. Sie sammeln vielmehr Informationen über Lichtreflexionen und deren Veränderung, und dies in einem möglichst breiten Umfeld. Dadurch, dass die Dinge das Licht unterschiedlich reflektieren, können sie Signale aus der Umwelt, zum Beispiel über gelbe Blüten, orten und zielstrebig ansteuern. Treten Veränderungen in der Reflexion des Lichts auf, so ist dies häufig ein Zeichen für Gefahr. Umgehend wird ein Fluchtverhalten ausgelöst, ohne dass dazu eine Entscheidung zu treffen wäre. Es ist verdammt schwierig, eine Fliege zu erwischen, denn sie kann selbst hinterhältige Angriffe registrieren. Zwar „sieht“ sie den Angreifer nicht, sie bemerkt jedoch die mit seiner Bewegung verbundene Veränderung des Lichts, und dies beinahe im Rundumblick. Das Eintreffen einer derartigen Information löst augenblicklich die Flucht aus.

Mit der Herausbildung von Entscheidungsprozessen auf der Basis gespeicherter Erfahrungen wurde vieles anders. Die direkte Ausführung eines festgelegten Verhaltens als Reaktion auf eine ganz bestimmte Information verschwand zwar nicht, aber ein größer werdender Teil der Informationen muss nun erst verarbeitet und in einen Entscheidungsprozess einbezogen werden, bevor er eine Handlung auslöst. Außerdem entwickelten sich die Sinne zu komplexen Organen weiter, die mit verschiedenartigen Sensorzellen eine Vielzahl von Informationen zu unterschiedlichen Aspekten der Wirklichkeit liefern. Die daraus resultierenden Informationen müssen verarbeitet, miteinander kombiniert und immer wieder mit den Erfahrungen abgeglichen werden, um sie bewerten zu können. So werden zum Beispiel die von den Augen registrierten Lichtpunkte derart kombiniert, dass sich Formen bilden, die sich identifizieren lassen, weil sie als Erfahrung gespeichert sind. In der weiteren Verarbeitung werden die Konturen der Objekte hervorgehoben, was ihre Abgrenzung zur Umwelt verbessert. Außerdem befinden sich die identifizierten Objekte in bestimmten Abständen zueinander. Die Erfassung dieser Relationen und ihr Abgleich mit Erfahrungen ist für die Orientierung und die Bewegung im Raum von großer Bedeutung.

Die Informationen der Sinnesorgane werden in der Großhirnrinde gesammelt und verarbeitet. Dafür bildeten sich auf die Informationen der einzelnen Sinnesorgane spezialisierte Areale aus. Dort sind auch die mit diesen Sinnesorganen verbundenen Erfahrungen gespeichert. Noch etwas hat sich mit den Entscheidungsprozessen verändert. War bislang nur der jeweilige Reiz selbst die Information, die reflexartig eine Handlung auslöste, so ist für eine komplexe Beurteilung der Situation auch das Nichtvorhandensein eines Reizes von Belang. Folglich müssen beide Möglichkeiten, das Vorhandensein wie auch das Fehlen eines bestimmten Reizes, als Information in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Dazu werden sie durch unterschiedliche Wahrnehmungsmuster voneinander abgegrenzt. Für das Licht heißt das, dass das Vorhandensein des Impulses als „hell“ wahrgenommen wird, das Fehlen als „dunkel“. Die unterschiedliche Intensität der Reize spiegelt sich in den Abstufungen von hell und dunkel wider.

Bei den Informationen der Zapfen über bestimmte Frequenzbereiche des Lichts werden die Wahrnehmungsmuster nicht alternativ gebildet, vielmehr wird der Anteil der verschiedenen „Farbinformationen“ zu einem Mittelwert verrechnet, dem dann ein Farbeindruck zugeordnet wird. Demnach gibt es zwei unterschiedliche Verfahren, wie den Informationen Muster der Wahrnehmung zugeordnet werden. Zum einen werden sie mit Hilfe eines Gegensatzes gebildet, zum anderen können sie aus der Verrechnung unterschiedlicher Werte zu einem Mittelwert resultieren. Am Ende entsteht ein komplexes Bild, in dem die einzelnen Aspekte durch die unterschiedlichen Wahrnehmungsmuster, mit denen sie belegt sind, unterscheidbar bleiben. Durch die Kombination verschiedener visueller Wahrnehmungen können darüber hinaus weitergehende Details voneinander abgegrenzt und deutlich gemacht werden. So erscheinen in der identifizierten Form Baumstamm möglicherweise Schattierungen, die aus Furchen an dessen Oberfläche resultieren.

Wahrnehmungsmuster bildeten sich nicht nur für visuelle Reize sondern für alle Sinne aus. Sie sind Bestandteil der Informationsverarbeitung in der Großhirnrinde. Vielleicht könnte man sie als neuronale Schablonen begreifen, in die die aktuellen Informationen, respektive die sie verkörpernden neuronalen Netze, eingefügt werden. Die den einzelnen Sinnen zugeordneten Wahrnehmungsmuster sind dabei deutlich voneinander unterschieden. Sie gehören quasi unterschiedlichen Sphären an. Wir bezeichnen sie als Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten, als Fühlen von Druck, Temperatur oder Gleichgewicht. Innerhalb dieser Sphären oder Wahrnehmungsmuster sind jeweils Möglichkeiten zur Differenzierung gegeben, wodurch Aspekte und Details wie Geschmacks- oder Geruchsnuancen, unterschiedliche Töne und Geräusche oder eben Formen, Farben und Helligkeiten voneinander abgegrenzt werden können. Darüber hinaus ist nicht nur für das Sehen das Nichtvorhandensein eines Reizes von Belang, auch in Bezug auf andere Sinne wird das Fehlen des Reizes mit einem Wahrnehmungsmuster belegt. Treffen keine Schallwellen auf das Ohr, entsteht die Wahrnehmung „Ruhe“, treffen Schallwellen auf, dann bedeutet das „Geräusch“. Dieses Geräusch kann mit Hilfe verschiedener Sinneszellen weiter differenziert werden. Die Frequenz der Schallwellen wird in unterschiedlichen Tonhöhen deutlich, ihre Intensität in verschiedenen Lautstärken. Die Töne wechseln sich mit kurzen Ruhepausen ab. Die konkrete Abfolge von Tönen und Pausen lässt Rhytmen entstehen. Im Abgleich mit Erfahrungen kann unter Umständen eine Melodie identifiziert werden.

Zu den Wahrnehmungen, die aus den Impulsen der Sinnesorgane entstehen, kommen Wahrnehmungen den eigenen Körper betreffend hinzu. Das können Wahrnehmungen wie Durst und Hunger sein, die einen Mangel signalisieren, oder Schmerzen, die eine Verletzung und damit eine Gefährdung der körperlichen Möglichkeiten anzeigen. Eine weitere Gruppe von Wahrnehmungen betrifft die Gefühle. Gefühle drücken Bewertungen aus, die den Erfahrungen anheften. Wird eine aktuelle Information identifiziert, indem sie sich mit einer Erfahrung verbindet, wird das mit ihr verbundene Verhaltensmuster als mögliche Reaktion aktiviert. Mit der Aktivierung des Verhaltensmusters wird auch eine körperliche Empfindung, ein Gefühl erzeugt. Durch die Wahrnehmung des mit der Erfahrung verbundenen Gefühls erhält die Information schließlich die Bewertung, mit der sie in den Entscheidungsprozess einfließt.

Mit der zunehmenden Bedeutung sozialer Gruppen für das Leben und Überleben des Einzelnen wächst auch der Stellenwert der Informationen, die die Beziehungen in der Gruppe betreffen. Wieder sind es nicht die Informationen selbst, sondern die ihnen auf der Basis von Erfahrungen zugeordneten Gefühle, deren Wahrnehmung in die Entscheidung einfließen. Die zunehmende Bedeutung der sozialen Beziehungen führt auch dazu, dass ein weiterer Faktor immer stärker die Entscheidungen beeinflusst – das Kalkül. Das Kalkül zielt nicht in erster Linie auf die Lösung einer anstehenden Aufgabe, sondern auf die Herstellung einer Konstellation in der Gruppe, die zum eigenen Vorteil gereicht. Für einen derartigen Plan braucht man eine Vorstellung davon, worin der eigene Vorteil liegt und wie man ihn erlangen kann. Außerdem muss der wohl ersonnene Plan mit Gefühlen verknüpft sein, damit er praktische Relevanz erreicht. Aber, woher erhält ein Plan, also etwas, was noch nicht stattgefunden hat, eine Bewertung? Eine derartige Bewertung könnte aus Erfahrungen resultieren, die der Planer in einer ähnlichen Situation bereits gesammelt hatte. Vielleicht war er schon einmal der engste Vertraute des Leithammels und will es wieder werden. Bewertungen können aber auch aus Beobachtungen resultieren. Man sieht doch, wie andere ihre Vorteile auskosten, indem sie die ersten an den Futtertrögen oder bei der Verbreitung des eigenen Samens sind

Lässt man die aufgeführten Wahrnehmungen noch einmal Revue passieren, dann wird deutlich, dass sie recht unterschiedliche Sachverhalte betreffen. Allen gemeinsam ist, dass ihnen Informationen zugrunde liegen, die als elektrische Impulse ins Gehirn gelangen, um dort verarbeitet zu werden. Nimmt man ihre Spezifik als Basis, dann lassen sich folgende Wahrnehmungen unterscheiden:

  • Wahrnehmung von äußeren Reizen, die reflexartig ein fest zugeordnetes Verhaltensmuster aktivieren
  • Wahrnehmungen der Sinnesorgane, die mit Erfahrungen abgeglichen werden müssen, damit ihnen ein Verhaltensmuster und eine Bewertung zugeordnet werden kann
  • Wahrnehmung von körperlichen Signalen zu Bedürfnissen wie Hunger und Durst oder zu Gefährdungen aus Verletzung und Krankheit
  • Wahrnehmung von Gefühlen, die Bewertungen von Informationen der Sinnesorgane oder von Bedürfnissen und Gefährdungen ausdrücken.

Die erstgenannte Gruppe von Wahrnehmungen verlangt keine Entscheidungen, da sie direkt eine vorherbestimmte Reaktion auslösen. Alle anderen Wahrnehmungen müssen erst verarbeitet und zueinander in Beziehung gesetzt werden, um zu einer ganzheitlichen Bewertung der Situation und zur Priorisierung eines bestimmten Verhaltens zu gelangen. Auf diese Gesamtschau hat sich ein besonderes Areal der Großhirnrinde spezialisiert. Dort werden allerdings nicht die einzelnen Informationen zusammengeführt, sondern die Wahrnehmungen zu den Gefühlen, die die Informationen der inneren und äußeren Quellen auslösen.

Nur, wie können die Informationen respektive Gefühle gegeneinander abgewogen werden, dass daraus eine Entscheidung über die Prioritäten des Handelns resultiert? Es sind wohl im wesentlichen zwei Aspekte, die deren Gewichtung bestimmen. Zum einen sind es die unterschiedlichen Quellen der Informationen, die für die einzelnen Tierarten einen unterschiedlichen Stellenwert erlangen. Bei den Primaten ist die Gesamtschau in starkem Maße durch visuelle Quellen geprägt. Bei Hunden ist daneben der Geruchssinn von besonderer Bedeutung, bei Katzen eher das Gehör. Maulwürfe wiederum sehen schlecht; ihre Entscheidungen werden vorwiegend durch den Tastsinn und den Geruchssinn geleitet. Auf diese Weise entsteht ein artenspezifisches Ranking der Informationsquellen, das sich physiologisch in der Komplexität der Sinnesorgane sowie der verarbeitenden Hirnareale niederschlägt. Der jeweils dominierende Sinn prägt durch die mit ihm verbundenen Gefühle die Gesamtschau.

Die einzelnen Informationen können aber auch eine unterschiedliche Dringlichkeit besitzen, die eine Abweichung von dieser vorgegebenen Gewichtung erforderlich macht. Die Dringlichkeit kann über die Intensität des Reizes vermittelt werden. Ein starker Geruch mag zum Beispiel ein Indiz für die Nähe der Gefahr sein. In die Bewertung der Dringlichkeit fließen aber auch die Erfahrungen ein. Der Geruch könnte zum Beispiel als harmlos eingestuft sein und deshalb für die anstehende Entscheidung bedeutungslos bleiben. Ist er jedoch einem gefährlichen Räuber zuzuordnen, dann ist höchste Wachsamkeit geboten, auch wenn der Feind noch nicht gesichtet wurde. Die erfahrungsgemäße Dringlichkeit spiegelt sich in der Art und Intensität des ausgelösten Gefühls wider.

Gefühle werden letztlich durch Botenstoffe hervorgerufen. Im Rahmen der Gesamtschau sind also die verschiedenen Botenstoffe und die Intensität ihrer Ausschüttung gegeneinander abzuwägen. Für ein solches Abwägen ist ein Ranking der Botenstoffe erforderlich. Dieses Ranking wird durch Erfahrungen offensichtlich nicht oder nur bedingt beeinflusst. Es muss also Teil des Erbguts und damit tief in der Evolution verankert sein. Dieses durchaus bewährte System hat auch einen Nachteil, denn einige Reize, die für das Leben und Überleben nicht von Bedeutung oder gar gefährlich sind, können trotzdem eine hohe Priorität erlangen, nur weil sie die Ausschüttung bestimmter Botenstoffe hervorrufen, die ein hohes Ranking besitzen. Auf diese Weise kann eine Erfahrung entstehen, die zwar hoch bewertet wird, die aber in ihrer Konsequenz dem Leben schadet.

Die Gefühle, deren Wahrnehmung in die Gesamtschau eingeht, bleiben mit den Verhaltensmustern, von denen sie ausgelöst wurden, verknüpft. Dadurch ist nach der Entscheidung eine Rückkopplung möglich, das heißt, es werden Botenstoffe ausgeschüttet, die das priorisierte Verhaltensmuster stimulieren, damit es zur Tat werden kann. Neu eingehende Informationen werden weiterhin zu dieser Entscheidung in Beziehung gesetzt. Dabei geht es nicht darum, die getroffene Entscheidung permanent in Frage zu stellen, sondern darum, Begleitumstände zu erfassen, die für die Reflexion über den Erfolg der Handlung von Belang sind. Die Reflexion der Handlung ist wiederum Grundlage für die Fortschreibung der Erfahrungen und die Optimierung zukünftiger Entscheidungen.

 

Der gesamte Abschnitt ist mit „Bewusstsein“ überschrieben. Trotzdem kommt dieser Begriff im Text nicht vor. Er wurde nicht gebraucht. Man könnte einwenden, dass der moderne Mensch mit seinen Besonderheiten bisher nicht Gegenstand der Betrachtung war. Würde Bewusstsein jedoch dem modernen Mensch vorbehalten sein, dann verschwände der evolutionäre Zusammenhang, „Bewusstsein“ müsste quasi aus dem Nichts erwachsen. Andererseits sind die Vorgänge, die mit „Bewusstsein“ beschrieben werden, Prozesse der Informationsverarbeitung. Für die Verarbeitung müssen die Informationen zueinander in Beziehung gesetzt und mit Erfahrungen abgeglichen werden, um die Prioritäten des Handelns zu bestimmen. Diese Fähigkeit, ist, wie gesehen, in einem langen evolutionären Prozess entstanden. Geht sie, zum Beispiel in Folge einer schweren Verletzung des Gehirns, verloren, dann setzt ein bewusstloser oder besinnungsloser Zustand ein. Informationen der Sinne können nicht mehr verarbeitet werden. Die primären Lebensfunktionen bleiben jedoch erhalten, da sie von den Teilen des Gehirns gesteuert werden, die automatisch, das heißt nach ererbten Mustern und ohne die Notwendigkeit individueller Entscheidungen, funktionieren. Für die Abgrenzung eines bewussten von einem bewusstlosen Zustand ist der Begriff „Bewusstsein“ also durchaus sinnvoll, für die Beschreibung der informationsverarbeitenden Prozesse eher weniger.

zuletzt geändert: 21.11.2016

Quelle Artikelbild: online-mit-tieren.com

 

Gefühle

tierische Gefühle

Eines der großen Mysterien des Lebens sind die Gefühle. Dem einen bescheren sie eine Hochstimmung, dem anderen quälende Pein. Sie stimulieren oder depremieren, sie belohnen und bestrafen. Und warum das alles?

Gefühle sollen helfen, die Prioritäten des Handelns zu bestimmen und diese dann in die Tat umzusetzen. Auf der einen Seite war es speziell für die Tiere wichtig, möglichst viele Informationen aus der Umwelt und über den eigenen Körper zu sammeln, um das eigene Verhalten rationell auf den Erhalt der eigenen Existenz respektive auf das Überleben der Art auszurichten. Auf der anderen Seite galt es, die immer vielfältiger werdende Informationsflut zu bändigen. Es musste gelingen, die verschiedenen Informationen zueinander in Beziehung zu setzen, um eine Entscheidung über das sinnvollste Verhalten herbeizuführen. Beide Faktoren, die wachsende Informationsflut und die steigenden Anforderungen an den Prozess der Prioritätenfindung, sind zwei Seiten der selben Medaille.

Informationen treten als Wirkungen auf, die an das Gehirn weitergeleitet werden, um dort das der Information entsprechende Verhaltensmuster anzuregen. Das Verhaltensmuster in Form eines neuronalen Netzes veranlasst die Bereitstellung von Botenstoffen, die zu den für die bevorstehende Handlung erforderlichen Mitspielern, zum Beispiel Muskeln und inneren Organen, transportiert werden, um sie zu aktivieren. Sind vielfältige Informationen, womöglich mit divergierenden Anforderungen, eingegangen, ist erst einmal zu klären, welcher Information und damit welcher Handlung die höchste Priorität gebührt. Die Art und Weise, wie Lebewesen die Prioritäten des Handelns bestimmen, hat sich im Laufe der Evolution verändert. Bei Pflanzen wie auch bei den ersten Tierformen bis hin zu Insekten und Krebsen lösen bestimmte eingehende Informationen genetisch vorgegebene Reaktionen aus. Das heißt, ein äußerer Reiz versetzt direkt ein neuronales Netz und damit ein Verhaltensmuster in Aktion. Die Priorität des Handelns ist in der Verbindung zwischen der Sensorzelle und dem aktivierten neuronalen Netz genetisch fixiert. Individuelle Entscheidungen sind nicht erforderlich und auch nicht vorgesehen. Als das Gedächtnis ins Spiel kam, konnten zunehmend auch komplexe Informationen verarbeitet werden. Sie sind nicht direkt mit einem Verhaltensmuster verknüpft. Sie müssen vielmehr mit Hilfe von Erfahrungen identifiziert und bewertet werden, um in eine Entscheidung über das weitere Verhalten einfließen zu können.

Im Laufe der Evolution wuchsen die Menge und die Komplexität der generierbaren Informationen schrittweise. Einen frühen Höhepunkt erreichte die Entwicklung mit dem Zeitalter der Saurier. Bevor diese in einem großen Showdown von der Erde verschwanden, hatten sie sich in Millionen von Jahren im Überlebenskampf behauptet. Fressen und selbst nicht gefressen werden, war auch für sie die immer wiederkehrende Herausforderung. Da mag so ein Saurier gerade einen genialen Platz zum Fressen gefunden haben, als ihm seine Sinnesorgane Informationen liefern, die auf einen räuberischen Zeitgenossen schließen lassen. Jetzt muss er sich entscheiden, ob er weiter fressen oder besser davonlaufen soll. Zu der Erfahrung, die ihm geholfen hat, den Räuber zu identifizieren, gehört auch eine Bewertung der Information, die sich in einem Gefühl ausdrückt. Dieses Gefühl, nennen wir es Furcht, treibt den Saurier zur Flucht, egal wie verlockend das Grünzeug gewesen sein mag. Ist die registrierte Gefahr vorüber, können wieder andere Gefühle, wie Hunger oder Durst, das Handeln bestimmen, denn letztlich können auch Nahrungs- und Wassermangel lebensbedrohlich sein. Je nachdem, welche Gefahr überwiegt, wird sich das mit ihr verbundene Gefühl durchsetzen und das Verhalten bestimmen.

Wird eine Information mit Hilfe von Erfahrungen identifiziert, aktiviert sie das mit der Erfahrung verbundene Verhaltensmuster, sei es zur Abwehr einer Gefahr oder zur Beseitigung eines Mangels. Das ebenfalls ausgelöste Gefühl treibt zur Tat. So wird eine hungrige Löwin voller Jagdfieber nach Beute Ausschau halten. Aber nicht nur Mangelzustände und Gefahren gehören zum Leben. Genauso wichtig ist es, mit der mühsam erlangten Energie hauszuhalten und dem Körper Phasen der Regeneration zu gewähren. Ist der Löwe satt, wird er schläfrig. Das heißt, der volle Magen signalisiert dem Gehirn, dass nach Jagen und Fressen nun ein Schläfchen angezeigt sei. Das Gehirn veranlasst daraufhin die Ausschüttung entsprechender Botenstoffe und der Löwe legt sich genüsslich in die Sonne, die Ruhepause hat er sich verdient. Nun gibt es im Rudel ein paarungsbereites Weibchen, das, statt ihm die Ruhe zu gönnen, um ihn herumschleicht und ihn zu verführen sucht. Welches Gefühl wird die Oberhand gewinnen – sein Ruhebedürfnis oder seine Pflicht, für Nachwuchs zu sorgen? Wahrscheinlich weiß er, was er zu tun hat. Allerdings wird er nicht aus lauter Pflichtgefühl das Seine beisteuern, vielmehr werden die Informationen, die ihm seine Nase über die Löwin vermitteln, ihn in Paarungsbereitschaft versetzen, ihn geil machen. Dieses Gefühl setzt sich gegen das Ruhebedürfnis durch und der Löwe schreitet zur Tat. Wahrscheinlich wird er für sein Engagement zur Bewahrung der Art mit einem positiven Gefühl belohnt. Die in diesem Zusammenhang ausgeschütteten Botenstoffe lassen ihn auch wieder zur Ruhe kommen. Vielleicht kann er ja doch noch ein Schläfchen halten. Zuckerbrot und Peitsche, positive und negative Gefühle treiben ihn an, steuern sein Verhalten. Es sind Gefühle, die Behagen oder Unbehagen auslösen, die angenehm oder unangenehm sind, die man vermeiden will oder von denen man nicht genug bekommen kann. Stimulierend oder bremsend – mehr Gefühle braucht es nicht.

Was sind dann aber Durst, Hunger oder Müdigkeit? Es sind Signale des Körpers, mit denen er über seinen Zustand oder seine Bedürfnisse informiert. Sie werden als angenehm oder als unangenehm empfunden. Ihre Wahrnehmung gibt gleichzeitig einen Hinweis auf die Ursache des Gefühls. Die Stärke des wahrgenommenen Gefühls bestimmt seine Gewichtung in der Prioritätenfindung. Das Unbehagen wegen eines bisschen Hungers wird nicht unbedingt die Handlung prägen, die Pein großen Hungers schon. Sie kann im konkreten Moment jegliches andere Gefühl überlagern. Ähnliches gilt für Schmerzen. Grundlage für den Schmerz sind Informationen von Nervenzellen, die Verletzungen an inneren Organen oder an der Außenhaut signalisieren. Diese Informationen lösen, je nach Art der signalisierten Verletzung, festgelegte körperliche Reaktionen aus. Das Immunsystem wird vielleicht aktiviert oder an der verletzten Stelle wird Energie freigesetzt, um Krankheitserreger abzutöten und die Bildung neuer Zellen zu erleichtern. Wird die Verletzung als schwerwiegend bewertet, wird dies dem Gehirn gemeldet, das daraufhin ein Schmerzgefühl auslöst. Durch die Wahrnehmung des Schmerzes ist es dem Tier möglich, die Verletzung zu lokalisieren und gleichzeitig seine Schwere zu erfahren. So kann es die Wunde lecken und mit Hilfe der im Speichel vorhandenen antiseptischen und blutstillenden Stoffe die Heilungschancen verbessern. Da Schmerz in hohem Maße unangenehm ist, erzwingt er förmlich eine Handlung, um ihm zu entgehen und dadurch vielleicht das Leben zu retten.

Selbst wenn ein bestimmtes Gefühl das Verhalten prägt, so sind doch immer auch andere Gefühle unterschwellig vorhanden, denn jede eintreffende Information aktiviert eine Erfahrung und das mit ihr verbundene Gefühl. Mit der Entwicklung der Sinne wuchs die Flut der Informationen jedoch gewaltig. Würde tatsächlich jede dieser ungeprüften Informationen eine Erfahrung und damit ein Verhaltensmuster aktivieren und ein Gefühl auslösen, entstünde eine Situation, die Entscheidungen eher verhindern als befördern würde. Die Informationsflut musste also irgendwie, zum Beispiel durch Installation einer Einlasskontrolle für das Großhirn eingedämmt werden. Dort werden nach einem ersten Abgleich mit gespeicherten Dateien fehlerhafte und nicht identifizierbare Informationen ausgesondert. Andere Einlasssuchende erhalten das Prädikat „minderwertig“ und werden ebenfalls verworfen. Noch andere werden lediglich für die Steuerung der Bewegung benötigt und deshalb ans Kleinhirn verwiesen. Letzteres gilt für eine Vielzahl visueller Informationen, die im Kleinhirn verarbeitet werden, ohne dass weitergehende Entscheidungen im Großhirn erforderlich sind. Übrig bleiben die Informationen, die für die Optimierung des Verhaltens wichtig erscheinen. Nur diesen wird Einlass ins Großhirn  gewährt, wo sie eine oder mehrere Erfahrungen aktivieren. Das mit der Erfahrung verbundene Verhaltensmuster löst die Produktion und Freisetzung von Botenstoffen aus, die ihrerseits Zellen und Organe auf die eventuell anstehende Handlung vorbereiten. Die damit verbundenen körperlichen Veränderungen werden als Gefühl wahrgenommen. Außerdem werden durch das aktivierte Verhaltensmuster auch spezielle Nervengeflechte angeregt, deren Aufgabe es ist, dem entstehenden Gefühl eine spezifische Ausprägung zu verleihen und es gegebenenfalls zu verstärken.

Nun haben wir geprüfte Informationen, denen Verhaltensmuster und Gefühle zugeordnet sind, wir haben aber noch keine Entscheidung darüber, welcher Handlung höchste Priorität gebührt. Dazu müssen die verschiedenen Informationen zueinander in Beziehung gesetzt werden. Waren bei der ersten Sichtung nur Details als Informationen erkannt worden, so sind in einem nächsten Schritt alle Details, die von einem Sinnesorgan geliefert werden, zusammenzuführen und als Gesamtheit zu bewerten. Wenn zum Beispiel eine Vielzahl von Geruchspartikeln identifiziert werden, dann resultiert daraus eine spezifische Kombination, die Rückschlüsse auf deren Quelle erlaubt. Das in der Kombination enthaltene Informationspotential kann jedoch nur durch den Abgleich mit Erfahrungen zu bereits identifizierten Geruchsbildern erschlossen werden. Die Erfahrungen sind, je nach dem Sinn, von dem sie stammen, in spezialisierten Arealen der Großhirnrinde gespeichert. Dort werden auch die Detailinformationen der jeweiligen Sinne zum Zwecke der Verarbeitung und des Abgleichs hingeleitet.

Bereits bei der Eingangskontrolle waren den Informationen Erfahrungen sowie die mit ihnen verbundenen Verhaltensmuster und bewertenden Gefühle zugeordnet worden. Kommt nun die komplexe Auswertung der Informationen eines Sinnesorgans zu einer von der Eingangsbewertung abweichenden Beurteilung, dann werden Botenstoffe auf den Weg gebracht, die die bereits hervorgerufenen Gefühle dämpfen oder verstärken. Stellt sich später in der Reflexion der gesamten Aktion heraus, dass die Bewertung der Situation doch nicht zutreffend war, dann muss die bisherige Erfahrung durch Modifikation der ihr anheftenden Gefühle angepasst werden. Das Gedächtnis ist also nichts statisches. Gespeicherte Erfahrungen werden immer wieder überprüft und gegebenenfalls verändert. Erfahrungen, die nicht benötigt werden, verblassen. Der Marker, der bestimmt, ob eine Erfahrung im Gedächtnis erhalten bleibt oder nicht, ist die Bedeutung, die ihr zugemessen wird.

Die Bedeutung oder Bewertung der Erfahrungen wird duch zwei Faktoren bestimmt. Der eine Faktor, ist die Häufigkeit, mit der die Erfahrung aufgerufen wird. Je öfter sie erfolgreich genutzt wird, umso höher wird ihre Wertschätzung, umso stabiler prägt sie sich aus. Diese Art und Weise eine Bewertung zu manifestieren, ist für das Kleinhirn, das heißt für die Steuerung von Bewegungen typisch. Der andere Faktor, in dem sich eine Bewertung ausdrückt, ist das Gefühl, mit dem die Erfahrung in das Gedächtnis eingeht. Die Kenntlichmachung einer Bewertung mittels eines Gefühls ist wiederum für im Großhirn gespeicherte Erfahrungen charakteristisch. Je stärker dieses markierende Gefühl ist, desto häufiger, das heißt auch bei geringen Übereinstimmungen mit der aktuellen Information, wird diese Erfahrung herangezogen. Es könnte ja sein, dass das starke Gefühl aus einer überaus bedrohlichen Situation resultierte und es deshalb wichtig wäre, diese Erfahrung breit in die Entscheidungsfindung einzubeziehen, um das Leben vor ähnlichen Gefahren zu bewahren. Im Extremfall kann eine dominierende Erfahrung allerdings das gesamte Verhalten eines Lebewesens prägen und es abnorm werden lassen.

Erfahrungen spielten für die Informationsverarbeitung eine immer größere Rolle. Sie erwiesen sich als Basis, auf der weitere Entwicklungen aufbauen konnten. dazu mussten möglichst viele Erfahrungen zusammengetragen werden. In den entstehenden  Erfahrungsschatz gehen nicht nur eigene Erlebnisse ein, denn auch andere Tiere machen Erfahrungen, die sie weitergeben können. Um Erfahrungen weiterzugeben, muss man sich irgendwie untereinander verständigen. Eine derartige Kommunikation kann zum Beispiel mit Hilfe von Bewegungen, Körperhaltungen oder Lauten erfolgen. Mitunter wird die Situation, auf der die Erfahrung beruht, regelrecht vorgespielt. Auf diese Weise werden die Gefühle, die mit der vorgespielten Situation verbunden waren, auf den Beobachter übertragen. Sie gehen wie eine eigene Erfahrung mit entsprechender Bewertung ins Gedächtnis ein. Das junge Tier mag nicht von Geburt an wissen, welche Zeitgenossen eher harmlos und welche zum Fürchten sind. Es muss dies aus eigenen Erlennissen oder eben von den Älteren lernen, wobei letzteres deutlich ungefährlicher ist. Der Nachwuchs lernt natürlich auch, welche Pflanzen besonders nahrhaft sind und wo sie gefunden werden, oder wo die Chancen steigen, auf Wasser zu stoßen. Allerdings erwirbt jeder Vertreter einer Art seine Erfahrungen für sich, das heißt individuell. Das hat zur Folge, dass die Reaktionen der einzelnen Tiere in vergleichbaren Situationen durchaus unterschiedlich ausfallen können.

Neben diesen auf Erfahrungen basierenden Entscheidungen gibt es aber auch Reize, zu denen subjektive Interpretationen nicht zugelassen sind. Es sind die grundlegenden Prozesse des Lebens und Überlebens, in denen entsprechende Handlungen weiterhin automatisch, das heißt nach ererbten uniformen Mustern, herbeigeführt werden. Mit dem sich erweiternden Erfahrungsschatz wächst jedoch der Anteil der Entscheidungen, die auf subjektiven Bewertungen beruhen. Umgekehrt, kann man bei Menschen, die schrittweise ihr Gedächtnis verlieren, beobachten, dass sie mit ihren Erfahrungen auch die Fähigkeit verlieren, Entscheidungen zu treffen.

zuletzt geändert: 13.08.2016

vgl. auch: Entdeckungsreise durch das Gehirn, Gehirn & Geist spezial, Nr. 1/ 2011

1) ebenda, Seite 34

GEO kompakt Nr. 28, Intelligenz, Begabung, Kreativität

Quelle Artikelbild: freshideen.com

Entscheidungen

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Immer muss man sich entscheiden – welchen Weg man gehen soll, um ans Ziel zu gelangen, wie man sich verhalten soll, um erfolgreich zu sein, was man tun soll, um jemanden für sich zu gewinnen. Oft geht es darum, das eigene Verhalten zu optimieren, manchmal auch darum, die richtige Alternative zu wählen. So oder so, Entscheidungen betreffen immer die Auswahl einer von mehreren möglichen Varianten des Handelns. Ziel ist es, der Variante Priorität zu geben, die den größten Erfolg verspricht, oder die die höchste Dringlichkeit besitzt. Der Maßstab, an dem sich Erfolg oder Dringlichkeit messen, ist in letzter Konsequenz die Erhaltung des Lebens, des eigenen und das der Art.

Die Erhaltung des Lebens erfordert den Schutz vor Gefahren genauso wie die Bereitstellung von Stoffen und Energie für dessen permanente Erneuerung. „Fressen oder Gefressenwerden“ war die Herausforderung, die das Leben von Anbeginn an begleitete. Bereits die Einzeller mussten Vorsorge treffen, um den permanent vorhandenen Gefahren zu begegnen. Sie entwickelten Abwehr- und Fluchtverhalten, die bei einem bestimmten äußeren Reiz, zum Beispiel einer Berührung, automatisch in Gang gesetzt werden. Eine Entscheidung ist dazu nicht erforderlich. Pflanzen sind meist diejenigen, die gefressen werden. Sie können vor ihren Feinden nicht davonlaufen, sie können sich nur zur Wehr setzen, indem sie sich Stacheln zulegen, Gifte bilden oder den Tieren auf andere Weise den Verzehr verleiden. Diese Strategien zur Verteidigung sind im Bauplan der Pflanze verankert, individuelle Entscheidungen sind nicht vorgesehen. Viele Tiere bis hin zu Krebsen und Insekten haben ebenfalls Strategien des Überlebens entwickelt, die automatisch aufgerufen werden, sobald ein bestimmter Reiz registriert wird. Da sticht die Wespe schon mal, auch wenn man ihr gar nichts Böses will. Sie tut das nicht mit Absicht, es passiert eben. Es hat auch nichts mit der gestochenen Person zu tun, die ist ihr egal. Die gestochene Person hat lediglich etwas getan, was dieses Abwehrverhalten auslöste.

Vieles wurde anders als das Gedächtnis entstand. Mit seiner Entwicklung ging auch eine Veränderung des Gehirns einher. Zum „angestammten“ Teil, der die Körperfunktionen reguliert und automatische Reaktionen auf bestimmte äußere Reize auslöst, kamen weitere Teile hinzu. In dem einen, dem Kleinhirn, sind die ererbten respektive erworbenen Bewegungsmuster konzentriert. Dieser Teil des Gehirns verarbeitet die Informationen zur Ausrichtung des Körpers im Raum wie auch visuelle und andere Reize, mit denen die Gegebenheiten des direkten Umfelds erfasst werden. Auf dieser Basis koordiniert und steuert es die Bewegungen. In dem anderen Teil, dem Großhirn, sind die ererbten und erworbenen Verhaltensmuster versammelt. Dort werden sowohl die Bedürfnisse des Körpers erfasst als auch die Informationen der Sinnesorgane verarbeitet. Die Informationen werden mit den gespeicherten Erfahrungen abgeglichen, um in Abwägung von Gefahren und Bedürfnissen die Prioritäten des Handelns zu bestimmen.

Jede Situation ist durch eine Vielzahl, teilweise sehr spezieller Details charakterisiert. Müsste sich der Abgleich von Informationen mit Erfahrungen auf der Basis der Identität ihrer Merkmale vollziehen, wären kaum Treffer zu landen. Um die Erfahrungen nutzen zu können, müssen sie auf wesentliche Faktoren und Abläufe reduziert werden, anhand derer die aktuellen Ereignisse den Erfahrungen zugeordnet werden können. Mit der Reduzierung der Erfahrungen auf Wesentliches wird es auch möglich, mehrere ähnliche Ereignisse zu einer Erfahrung zusammenzufassen beziehungsweise neue Erlebnisse immer wieder modifizierend einfließen zu lassen. Die Erfahrung beinhaltet aber nicht nur wesentliche Faktoren und Abläufe sondern auch deren Bewertung. Wurde zum Beispiel eine Gefahr richtig eingeschätzt und es gelang, rechtzeitig das Weite zu suchen, dann wird diese positive Erfahrung die zukünftige Einschätzung der Situation beeinflussen, denn durch die Verknüpfung der aktuellen Information mit der entsprechenden Erfahrung wird die Bewertung auf die neue Information übertragen. Die Bewertungen bilden die Grundlage für die Einschätzung der Situation auf damit für die Entscheidung über das anstehende Verhalten. Nachdem die Entscheidung gefallen ist und in einer Handlung umgesetzt wurde, muss jedesmal überprüft werden, ob die Einschätzung der Situation tatsächlich den Gegebenheiten entsprach. War die eingeleitete Aktion erfolgreich, dann geht diese Bestätigung aufwertend in die Erfahrung ein. Endete sie jedoch unerwarteterweise in einem Desaster, müssen die Prämissen für die Einschätzung der Situation überprüft werden. Neubewertungen sind erforderlich.

Das Sammeln und Nutzen von Erfahrungen wurde insbesondere für die Wirbeltiere prägend. Als erste Vertreter der Wirbeltiere gelten urzeitliche Kreaturen, die den heutigen Neunaugen ähnelten. Aus ihnen gingen die Fische hervor. Ein Charakteristikum der meisten Fische ist die dominierende Rolle ihres Kleinhirns. Offensichtlich hatte für die Fische die Anpassung von Bewegungsabläufen an die konkreten Umweltbedingungen einen besonders hohen Stellenwert. Die Auswahl alternativer Verhaltensmuster spielte dagegen eine vergleichsweise geringe Rolle. Mit dem Landgang wurden die Gegebenheiten, denen sich das Verhalten der Tiere anpassen musste, jedoch ungleich vielfältiger. Für diese Anpassung waren deutlich mehr Informationen aus der Umwelt erforderlich. Zur Erlangung dieser Informationen bildeten sich komplexe Sinnesorgane heraus. Wahrscheinlich war es der Geruchssinn, der sich zuerst entwickelte, das legt zumindest das Gehirn der Amphibien nahe.

Mit dem Geruchssinn werden Partikel, die durch die Luft herangeweht werden, registriert. Der große Vorteil dieser Wahrnehmung besteht darin, dass sie auf potentielle Nahrung oder auf Gefahren hinweist, die sich noch in Distanz zum eigenen Körper befinden. Auf diese Weise öffnet sich ein Zeitfenster, das eine Prüfung der Informationen, aber auch den Einsatz neuartiger Verhaltensmuster ermöglicht. Um die herangewehten Partikel als Informationsquelle nutzen zu können, müssen sie eingefangen und identifiziert werden. Einzeller hatten Sensoren hervorgebracht, die auf bestimmte stoffliche Strukturen, die durch das Wasser herangespült werden, reagieren. Diese Fähigkeit konnte genutzt werden, um nunmehr Stoffe, die durch die Luft heranwehen, zu bestimmen. Die dazu erforderlichen Sinneszellen sind in den Organen zur Luftaufnahme, und dort in einem feuchten Umfeld, platziert. Wird nun durch eine Sinneszelle ein Stoff erfasst, auf dessen Struktur sie spezialisiert ist, dann generiert sie einen elektrischen Impuls, der an das Gehirn weitergeleitet wird. Dort aktiviert der Impuls ein genetisch festgelegtes Verhalten. Sind die Geruchspartikel mit einer Gefahr verbunden, zum Beispiel weil Rauch als Indiz für Feuer gilt, dann wird automatisch die Flucht gestartet. Es könnte aber auch eine paarungsbereites Weibchen in Riechweite auftauchen. Die identifizierten Geruchspartikel werden dann bei dem potentiellen Samenspender Paarungsverlangen auslösen. Das Prinzip ist in beiden Fällen gleich – ein Sensor registriert Partikel, auf die er spezialisiert ist, und löst einen Impuls aus, der zur Aktivierung eines vorherbestimmten Verhaltensmusters führt.

Die Fähigkeit, kleinste Partikel in der Luft zu erkennen, bietet jedoch weitaus mehr Informationspotential als das, was mit den wenigen grundlegenden Gerüchen, die sofort ein bestimmtes Verhalten auslösen, ausschöpfbar ist. Einerseits konnten die Sinneszellen weiter differenziert und damit die Zahl der identifizierbaren Stoffe erhöht werden. Andererseits können die Stoffe in ganz unterschiedlichen Kombinationen auftreten und auf diese Weise „Geruchsbilder“ formen. Diese Geruchsbilder sind sehr vielgestaltig, so dass eine direkte, genetisch geprägte Zuordnung zu einem vorherbestimmten Verhaltensmuster unmöglich wird. Die Identifizierung und Bewertung dieser komplexen Informationen muss auf einem anderen Weg erfolgen. In gewisser Weise hatten die Fische bereits eine Lösung für dieses Problem gefunden. Sie gleichen Informationen aus der unmittelbaren Umgebung mit gespeicherten und bewerteten Erfahrungen ab, um ihre Bewegungsmuster zu optimieren. Dieser Prozess vollzieht sich im Kleinhirn. Ein ähnlicher Prozess musste nun im Großhirn realisiert werden, um auf der Basis der konkreten Informationen zur Auswahl eines optimalen Verhaltensmusters zu gelangen. Das bedeutete jedoch, dass die Erfahrungen zu bereits identifizierten Gerüchen gespeichert werden mussten. Damit vervielfachten sich die Aufgaben des Großhirns.

Im Laufe der Zeit bildeten sich weitere komplexe Sinne aus. Von besonderer Bedeutung war sicher die Entstehung des Gehörs. Bewegungen anderer Lebewesen rufen Luftirritationen hervor. Kann man diese Luftbewegungen registrieren, erhält man unter Umständen Informationen über einen Räuber oder über eine potentielle Beute, die man bis dahin weder zu sehen noch zu riechen vermochte. Für diesen Zweck müssen die Luftbewegungen aber nicht nur registriert und lokalisiert, sondern auch gedeutet werden. Vor der Initiierung eines bestimmten Verhaltens ist also die Prüfung der eingegangenen Informationen mit Hilfe von gespeicherten Erfahrungen erforderlich, um sie bewerten zu können. Die Crux ist, dass die notwendigen Erfahrungen nicht vererbt werden können; man muss sie erwerben. Für die Säugetiere war das Hören zu einer überaus wichtigen Informationsquelle geworden. Nicht zuletzt deshalb wurde die schnelle Aneignung grundlegender akustischer Erfahrungen überlebenswichtig. Dieser Lernprozess beginnt bereits im Mutterleib. Im Laufe des Lebens kommen immer wieder neue Erfahrungen hinzu, die dabei helfen, akustische Informationen schneller und genauer einzuordnen.

Neben dem Geruch und dem Gehör erlangten auch visuelle Reize einen zunehmenden Stellenwert. Das Sehen war vor allem für die Orientierung in der direkten Umgebung und zur Steuerung der Bewegungen entstanden. Mit der Herausbildung des räumlichen Sehens eröffneten sich jedoch neue Perspektiven, nicht nur für die zielgerichtete Bewegung, sondern auch für das Verhalten insgesamt. Durch die bessere Orientierung konnte die Suche nach Nahrung räumlich ausgedehnt werden, Gefahren wurden schneller erkannt und es gelang, natürliche Gegebenheiten umfassender für eigene Zwecke zu nutzen. Um die Möglichkeiten visueller Informationen ausschöpfen zu können, müssen sie im Großhirn mit Erfahrungen abgeglichen und bewertet werden. Eine komplexe Verarbeitung visueller Informationen erfordert jedoch Zeit, die für die Steuerung einer Bewegung, für die diese Informationen ja weiterhin benötigt werden, nur begrenzt zur Verfügung steht. So braucht das Kleinhirn des Menschen für die Auswertung der visuellen Informationen zirka eine fünftel Sekunde, das Großhirn benötigt für deren komplexe Bewertung immerhin schon eine halbe Sekunde, und damit deutlich länger.1) Das daraus entstehende Dilemma löst sich auf, sobald die visuellen Informationen in beiden Hirnteilen, und dies relativ unabhängig voneinander, ausgewertet werden. Das Kleinhirn muss also im Rahmen der vom Großhirn vorgegebenen Aufgabe die Situation selbständig bewerten und ein optimales Bewegungsmuster auswählen. Das Großhirn darf den Dirigenten spielen, hat aber auf die Bewegung selbst wenig Einfluss.

Mit der Entwicklung der Sinne vielfachten sich, wie wir sahen, die Aufgaben des Großhirns. Zur Bewältigung der entstehenden Informationsflut bildete es nach Sinnesorganen spezialisierte Areale der Großhirnrinde aus. Außerdem meldet auch der Körper seine Bedürfnisse an,deren Befriedigung letztlich der Sinn allen Tuns ist. Die Informationen aus dem Körper müssen mit den Ergebnisse aus der Erkundung der Umwelt zusammengebracht werden, um zu einer Entscheidung über das weitere Verhalten zu gelangen. Für eine Entscheidung ist es notwendig, die unterschiedlichen Informationen in irgend einer Weise zueinander in Beziehung zu setzen, das heißt, ihnen eine Wertigkeit zuzuordnen. Man könnte sie zum Beispiel nach der Quelle, von der sie stammen, differenzieren. Der aus dem Körper kommenden Information, Nahrung erforderlich, könnte ein hoher Stellenwert beigegeben worden sein. Signalisieren allerdings äußere Sensoren eine akute Gefahr, weil ein gefährlicher Räuber aufgetaucht ist, dann muss diese Information Vorrang erhalten. Nicht Nahrungsaufnahme sondern Flucht wird zur Losung der Stunde. Neben der Art der Information kommt die Platzierung der Sinneszellen als Differenzierungsmerkmal in Betracht. Den Sensoren am Kopf könnte zum Beispiel eine höhere Priorität zugeordnet sein als den gleichen Sensoren am Hinterteil. Nicht zuletzt weist auch die Intensität eines Reizes auf die Dringlichkeit einer Information hin. Auf der Basis dieser Differenzierung lassen sich Prioritäten bestimmen.

An dieser Stelle will ich über ein Erlebnis berichten, das schon einige Jahre zurückliegt. Es war in Bulgarien. Dort gab es zu jener Zeit viele frei laufende Hunde, bei denen man nicht so genau wusste, ob sie jemanden zugehörten oder ob es streunende Hunde waren. Ich drehte eine kleine Joggingrunde, als plötzlich so ein Hund vor mir stand. Wir waren wohl beide erschrocken, der Hund fasste sich allerdings schneller als ich. Er fletschte die Zähne und knurrte mich böse an. Offensichtlich hatte er gelernt, dass Menschen eher Feinde sind. Tatsächlich wurden freilaufende Hunde in Bulgarien nicht gerade gut behandelt. Sie mussten sich häufig vor Schlägen und Fußtritten in Sicherheit bringen. Die Augen des Hundes hatten also Informationen an das Gehirn übermittelt, die auf einen Menschen schließen ließen. Seine Erfahrungen signalisierten ihm Gefahr. Das Gehirn setzte den Körper des Hundes in Alarmbereitschaft. Seine Alternativen waren Angriff oder Flucht. Dieser Hund entschied sich für den Angriff beziehungsweise für die Androhung eines solchen. Dass er sich für diese Alternative entschied, hatte wahrscheinlich zwei Gründe. Einmal war es wohl ein Typ Hund, der eher zur Aggressivität neigte. Auch bei Hunden gibt es einige, die eher den Kampf und andere, die in einer vergleichbaren Situation eher die Flucht bevorzugen. Das mag mit den jeweiligen Erfahrungen, aber auch mit der genetischen Disposition des Tieres zusammenhängen. Der Körper des einen Tieres setzt, unabhängig von den Erfahrungen, mehr Botenstoffe frei, die aggressives Verhalten heraufbeschwören, als der eines anderen. Sie sind eben von unterschiedlichem Temperament.

Neben dieser Disposition hatte der Hund sicher an meiner Körpersprache erkannt, dass ich erschrocken war. Er hatte gewiss auch gerochen, dass mich Angst beschlichen hatte. Beides mag seine Entscheidung zu einer Angriffsdrohung beeinflusst haben. Mein Instinkt riet mir zur Flucht. Mein Wissen über Hunde sagte mir, dass ein Fluchtversuch den Hund wohl eher ermuntern würde, tatsächlich zuzubeißen. Also entschloss ich mich, einen Gegenangriff vorzutäuschen. Ich habe den Hund laut beschimpft und bin, mit den Armen fuchtelnd, einen Schritt auf ihn zugegangen. Das war ihm nicht geheuer. Er bewertete die Situation neu und zog knurrend von dannen, jedenfalls ein paar Schritte. Noch war sein Körper im Angriffsmodus, der erst ein Stück weit durch die Neubewertung der Situation und den damit ausgeschütteten, auf die Flucht vorbereitenden Botenstoffen, gedämpft wurde. Kaum hatte ich mich jedoch umgedreht, um meinen Lauf fortzusetzen, war der Hund wieder zähnefletschend hinter mir. Das Spielchen haben wir mehrmals wiederholt, wobei meine vorgetäuschten Angriffen immer mutiger wurden. Irgendwann entkam ich schließlich seiner Aufmerksamkeit.

Der Hund hat die sich verändernde Situation immer wieder neu bewertet und sein Verhalten angepasst. Offensichtlich sind ihm dazu erhebliche Spielräume gegeben, da er selbst in einer potentiell gefährlichen Lage die Möglichkeit hat, diese auf der Basis eigener Erfahrungen zu bewerten. Es bleibt die Frage, warum mir diese Episode nach so vielen Jahren noch immer in lebhafter Erinnerung ist. Es war halt mein erstes Zusammentreffen mit einem streunenden Hund, und ich hatte offensichtlich mehr Schiss als mir lieb war. Das erste derartige Erlebnis und das starke Gefühl haben diese Episode tief in meinem Gedächtnis verankert. Da sich eine ähnliche Situation bis heute nicht wiederholt hat, wurde sie auch nicht durch andere Erfahrungen relativiert. Gefühle spielen bei der Bewertung von Situationen also offensichtlich eine Rolle. Nur was, um Himmels Willen, sind Gefühle?

zuletzt geändert: 13.08.2016

vgl. Entdeckungsreise durch das Gehirn, Gehirn&Geist spezial, Nr. 1/2011

Quelle Artikelbild: reformiert-info.de

Boten

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Leben ist ohne Informationen undenkbar. Informationen in Form des genetischen Bauplans werden benötigt, damit ein Lebewesen überhaupt entstehen kann. Ist es dann entstanden, soll es wachsen und sich vermehren. Dafür braucht es Energie und allerlei Stoffe, die es aus dem Wasser oder dem Boden, aus der Luft oder von anderen Lebewesen beziehen muss. Um an diese Ressourcen zu gelangen, ist es notwendig zu wissen, wo sie zu finden sind und wie man dorthin gelangt. Das Lebewesen muss sich also in seiner Umwelt orientieren und dazu vielfältige Informationen aufnehmen. Informationen über die Umwelt werden vor allem mittels Sensoren in und auf der äußeren Hülle gewonnen. Sie  werden dann durch den Körper transportiert und zu den Teilen gebracht, die aktiv werden sollen. Für den Transport braucht die Information ein Medium, in dem sie gespeichert ist.

Was hat das nun mit einem reitenden Boten zu tun? In früheren Zeiten waren Boten dazu bestimmt, Kunde über gewesene oder erwartete Ereignisse zu übermitteln. Zu diesem Zweck transportierten sie Briefe oder andere Dokumente, die sie einem vorherbestimmten Empfänger überbrachten, damit dieser entsprechend tätig werden konnte. Die Informationen, die ein Lebewesen für sein Handeln benötigt, müssen ebenfalls von einem Absender zu einem vorherbestimmten Empfänger transportiert werden. Für den Transport braucht man Boten. Zugegeben, deren Fortbewegungsmittel sind andere als die der reitenden Boten früherer Zeiten, auch die Art und Weise, in der die Informationen gespeichert sind, unterscheidet sich. Im Körper werden keine Briefe transportiert, ein Speichermedium wird dennoch benötigt.

Bereits bei der Entstehung erster Lebensformen spielten Boten eine Rolle. Damit eine Zelle entstehen kann, benötigt die RNA eine Hülle aus Eiweißen, die Schutz gewährt und gleichzeitig den Austausch mit der Außenwelt reguliert. Will sich die Zelle vermehren, muss auch diese Hülle vervielfacht werden. Für die Synthese der dafür erforderlichen komplexen Eiweiße werden auf Veranlassung der RNA einfache Eiweiße, Enzyme genannt, gebildet. Die Enzyme treiben mit ihren spezifischen katalytischen Wirkungen die Herstellung der komplexeren Eiweiße, die für die Hülle benötigt werden, voran. Damit die Enzyme entstehen können, muss ihr Bauplan genauso wie der zeitliche Ablauf ihrer Bereitstellung gespeichert sein, und zwar in der Abfolge und der räumlichen Anordnung der RNA-Bausteine. Die Enzyme werden so zu Mittlern im Prozess der Vermehrung. Sie sind sowohl Werkzeug der RNA wie auch deren Bote, denn in der Spezifik ihres Aufbaus und in dem Zeitpunkt ihrer Aktivierung ist die Information zu einem Teilprozess der Vermehrung enthalten. Mit ihrer Entstehung und ihrem Wirksamwerden wird diese Information umgesetzt, mithin transportiert.

Diese Enzyme blieben nicht die einzigen Botenstoffe in der Natur. Im Laufe ihrer überaus langen Entwicklungsgeschichte haben die Einzeller eine Vielzahl solcher Boten hervorgebracht. Die jeweiligen Stoffe sind ganz unterschiedlich aufgebaut. Ihnen ist gemeinsam, dass sie einen Impuls von außen aufnehmen und sich wie auch ihre Außenwirkung in spezifischer Weise verändern. Die veränderte Außenwirkung verursacht oder befördert wiederum eine spezielle Reaktion beim Empfänger. Diese Reaktionen können so vielfältig sein, wie die Stoffe, die sie auslösen. Es kommt also darauf an, für die jeweils anstehende Aufgabe einen geeigneten Stoff zu finden, der die erforderliche Wirkung hervorbringt. So gesehen, ist alle Fortentwicklung von Leben vor allem davon abhängig, dass geeignete Botenstoffe für die zu realisierenden Prozesse gefunden werden. Die Einzeller leisteten in dieser Hinsicht ganze Arbeit. Sie fanden Botenstoffe, um innere Prozesse zu regulieren aber auch solche, die die Nutzbarmachung von Informationen aus der Umwelt für das eigene Leben ermöglichten. Sie schufen Lösungen, um Sonnenenergie in körpereigenen Strukturen zu speichern und bei Bedarf wieder freizusetzen. Und sie erlangten die Fähigkeit, sich aus eigener Kraft fortzubewegen.

Die Photosynthese wurde zur Grundlage für die erfolgreiche Entwicklung der Pflanzen, die eine erstaunliche Artenvielfalt ausbildeten. Das gilt auch für Pilze, die durch ihre Symbiose mit grünen Pflanzen an dieser Errungenschaft partizipieren. Allen Pflanzen, die Pilze eingeschlossen, ist gemeinsam, dass sie, wie die Einzeller, ihre Lebensprozesse praktisch ausschließlich mit Hilfe von Botenstoffen regulieren. Die Erlangung einer Information aus dem eigenen Korpus oder aus der Umwelt führt unmittelbar zur Bereitsstellung eines entsprechenden Stoffs. Der Botenstoff wird mit Hilfe des Wassers, der Luft oder anderer Medien zu denjenigen Zellen transportiert, die durch ihn zu einer Reaktion veranlasst werden sollen. Wenn beispielsweise das Wasser knapp wird, könnte eine Maßnahme sein, die Wurzeln tiefer zu treiben, um dort eventuell fündig zu werden. Natürlich geht das nur, wenn diese Reaktion im Bauplan der Pflanze als Fähigkeit angelegt ist. Die Information „Wassermangel“, möglicherweise in den Zellen der Baumkrone entstanden, löst dort automatisch die Produktion entsprechender Botenstoffe aus, die, in die Tiefenwurzeln gesandt, dort Wachstum veranlassen. Die Botenstoffe werden, wie die in den Blättern produzierten Zucker, mit Hilfe spezieller Zellen durch den gesamten Korpus des Baumes geleitet. In anderen Fällen wird die Luft als Transportmittel genutzt. Wenn zum Beispiel einzelne Blätter beginnen, Chlorophyll abzubauen, weil die Witterung herbstlich wird, dann senden sie Botenstoffe aus, die über die Luft zu anderen Blättern gelangen und dort analoge Prozesse bewirken. Auf diese Weise entsteht eine Kettenreaktion, die den gesamten Baum erfasst. Vielleicht werden auch Nachbarbäume einbezogen, denn Luft ist kein wirklich zielgenaues Transportmittel.

Die andere große Erfindung der Einzeller, die Bewegung aus eigener Kraft, sollte zu einer noch größeren Herausforderung für die Informationsverarbeitung werden. Dabei begann es eher harmlos. Einige Einzeller hatten Ausstülpungen ihrer Hülle gebildet, die sie bewegen konnten. Durch deren Bewegung entstanden im Wasser kleine Wellen, auf denen sie davonschwebten. Für die Bewegung der Ausstülpungen ist jedoch Energie erforderlich, und die ist ein rares Gut. Der Einsatz von Energie musste deshalb auf solche Situationen begrenzt bleiben, die einen Ortswechsel tatsächlich notwendig machten. Ein Ortswechsel wird für einen Einzeller vor allem dann wichtig, wenn am gegebenen Aufenthaltsort die Stoffe zum Überleben nicht mehr ausreichend vorhanden sind. Aus dem entstehenden Mangel heraus wird die Bildung von Botenstoffen veranlasst, die Bewegungen der Ausstülpungen hervorrufen. Diese Bewegungen sind nun zwar zweckgebunden, aber immer noch ziellos. Um der Bewegung ein Ziel geben zu können, werden Informationen aus der Umwelt benötigt. Die Einzeller entwickelten Sensoren, die auf Atom- und Molekülstrukturen von Nährstoffen reagieren. Trifft nun ein Atom oder Molekül mit einer entsprechenden Struktur auf eine solche sensibilisierte Stelle der Außenhaut, dann wird dort eine Reaktion ausgelöst, die zur Bildung eines Botenstoffs führt. Dieser Botenstoff aktiviert diejenigen Ausstülpungen, die eine Bewegung zu ihm hin ermöglichen. Welcher Sensor welche Ausstülpung aktiviert, ist wiederum im Bauplan der Zelle festgelegt.

Im Zuge der weiteren Entwicklung entstanden mehrzellige Lebewesen, die sich ebenfalls fortbewegen wollten. Für die Fortbewegung solcher Lebewesen sind die Aktionen verschiedenartiger Zellen zu koordinieren, das heißt, die Informationen respektive Botenstoffe müssen zu unterschiedlichen Zellen an unterschiedliche Orte eines ganzheitlichen Organismus transportiert werden. Transporte durch die Luft oder mit Hilfe von Wasser sind jedoch relativ langsam und außerdem unsicher. Das mag für den Baum, der unabänderlich am selben Platz verharrt, kein Problem darstellen, für ein Tier, das sich im Raum bewegen will, aber schon. Es musste also ein anderes Transportmittel gefunden werden, das die schnelle und zielgenaue Verbreitung der Informationen im gesamten Organismus ermöglichte. Diese Aufgabe übernahmen Nervenzellen. Sie bilden ein Leitungssystem, mit dessen Hilfe Informationen als elektrische Impulse durch den Körper gejagt werden. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Nervenzellen wie auch zwischen den Nervenzellen und den anderen Körperzellen werden wiederum mit Hilfe von Stoffen gesichert, die den elektrischen Impuls aufnehmen, sich verändern und die veränderte Wirkung auf die folgende Zelle übertragen. Ist die folgende Zelle ebenfalls eine Nervenzelle, wird ein elektrischer Impuls ausgelöst, der die Information weiterleitet. Ist die folgende Zelle jedoch eine Muskelzelle, könnte die ankommende Wirkung eine Kontraktion hervorrufen, das heißt, die betreffende Zelle in Bewegung versetzen.

Informationen über die Umwelt entstehen in der Regel durch Sensorzellen an der Außenhaut. Eine solche Information könnte sein, dass Fressbares aufgetaucht ist. Nun gilt es, aus dieser Information eine zielgerichtete Aktion werden zu lassen, die mit der angestrebten Nahrungsaufnahme endet. Dazu muss als erstes festgestellt werden, woher die Information kam und welche Bewegungen bis zur erstrebten Beute erforderlich sind. Falls die potentielle Beute ein Tier ist, dass sich ebenfalls bewegen kann, so muss es gefangen und einverleibt werden. Das heißt, außer den Muskeln und den Sensoren müssen gegebenenfalls auch die Waffen des Jägers bereit sein. Außerdem sollten die Energiebereitstellung wie auch die Verdauung auf die zu erwartenden Aufgaben eingestellt werden. Für die erfolgreiche Nahrungsbeschaffung sind also mehrere Teilprozesse erforderlich. Damit diese in Gang gesetzt werden, muss die Information, dass Fressbares aufgetaucht ist, planmäßig im Organismus verteilt werden. Zu diesem Zweck bildeten sich Netze von Nervenzellen, die in ihrer Struktur den Gesamtablauf des jeweiligen Prozesses, hier der Nahrungsaufnahme, abbilden. Nimmt nun ein Sensor der Außenhaut Fressbares in der Umwelt wahr, dann generiert er einen elektrischen Impuls, der dieses neuronale Netz aktiviert. Die Wirkung, ausgehend vom Sensor, verteilt sich über das Netz im gesamten Körper. Sie setzt bei den jeweiligen Empfängern die Produktion von Botenstoffen in Gang, die nun ihrerseits die erforderlichen Reaktionen in allen für die anstehende Jagd notwendigen Zellen hervorrufen.

Eine primäre Aufgabe blieb es, den Bewegungen eine Richtung zu geben. Die Einzeller hatten dieses Problem für ihre Zwecke gelöst. Die Bewegung mehrzelliger Wesen brachte jedoch neue Herausforderungen, musste doch die Aktivität einer Vielzahl von Zellen koordiniert werden. Um zum Beispiel eine Bewegungsrichtung allgemeingültig bestimmen zu können, muss der Raum, in dem man sich bewegen will, eine Ausrichtung erhalten. Mindestens vorn und hinten sowie oben und unten waren zu unterscheiden. Vorn und hinten ließen sich definieren, indem der Körper selbst voneinander unterschiedene Teile ausprägte. Einige spezialisierte Zellen, zum Beispiel zur Nahrungsaufnahme, wurden an dem einen Ende konzentriert, andere, zum Beispiel zum Ausscheiden der Stoffwechselabfälle, am anderen. Da speziell für das Auffinden und Einverleiben der Nahrung möglichst viele Informationen aus der Umwelt erforderlich sind, siedelte sich die Mehrzahl der Sensoren auf dieser Seite des Körpers an. Sie befanden dann auch: wo wir sind, ist vorn. Die Ausscheidung erfolgt nach der Verdauung, also hinten. Oben und unten waren durch die  Schwerkraft bestimmt. Außerdem bildeten sich bei den meisten Arten zwei beinahe gleiche Körperseiten aus, die die seitlichen Dimensionen der Bewegung erschlossen.

In diesem Koordinatensystem ließen sich nun eine Vielzahl von Bewegungsrichtungen definieren. Darüber hinaus waren Bewegungen nicht nur im Wasser sondern auch im Meeresboden möglich. Das heißt, es mussten unter Umständen nicht nur Bewegungen in unterschiedlichen Richtungen, sondern auch in unterschiedlichen Medien realisiert werden. Für alle Varianten wurden spezielle neuronale Netze zur Steuerung, mithin unterschiedliche Bewegungs- und Verhaltensmuster benötigt. Die sich vor diesem Hintergrund herausbildende Viefalt neronaler Netze machte es erforderlich, für jede einzelne Aufgabe das am besten geeignete Bewegungs- oder Verhaltensmuster auszuwählen. Um diese Auswahl zu erleichtern, wurden die entsprechenden neuronalen Strukturen auf engem Raum konzentriert. Gehirne entstanden, die in der Nähe des Ortes ihren Platz fanden, an dem auch die meisten Sinnesorgane angesiedelt waren. Auf diese Weise bildete sich ein Kopf heraus, der das Gehirn, die Organe zur Nahrungsaufnahme und die Mehrzahl der Sinnesorgane versammelte. Als Wegbereiter all dieser Neuerungen gelten urzeitliche Würmer, die sich damit einen Platz in unserer Ahnengalerie sicherten.

Urzeitliche Vorfahren der Fische gingen noch einen Schritt weiter. Sie schützten den Kopf vor äußeren Einflüssen und möglichen Beschädigungen durch einen stabilen Kasten. Diese Kästen, Schädel genannt, wurden für eine ganze Entwicklungslinie, die bis hin zum Menschen führt, charakteristisch. Mit der Herausbildung der Gehirne differenzierten sich auch die Aufgaben der Nervenzellen. Eine Gruppe dieser Zellen übernahm die Speicherung der Bewegungs- und Verhaltensmuster sowie der mit ihner Anwendung verbundenen Erfahrungen. Diese Nervenzellen müssen in der Lage sein, die entstehenden neuronalen Strukturen zu festigen, wenn deren Bedeutung für das Leben wächst. Sie müssen aber auch Verbindungen wieder lösen können, sollten sie nicht mehr benötigt werden. Eine andere Gruppe von Nervenzellen spezialisierte sich auf die Vernetzung der nach und nach entstehenden Hirnbereiche. Sie müssen vor allem fähig sein, eine Vielzahl solcher Verbindungen herzustellen, das heißt das Networking zu sichern. Eine dritte Gruppe wurde für den Transport der Informationen im Körper zuständig. Zu diesem Zweck bildeten sie einen Strang, der durch die gesamte Länge des Körpers führt. Von diesem Hauptstrang gehen Verzweigungen in alle seine Teile ab, so dass die Informationen planmäßig und schnell überallhin verteilt werden können.

Wird nun ein Umweltreiz registriert, das heißt, ein Sensor spricht an, dann sendet er diese Information in Form eines elektrischen Impulses über die Nervenleitungen an das Gehirn. Dort aktiviert der Impuls das dieser Wahrnehmung zugeordnete neuronale Netz eines Bewegungs- oder Verhaltensmusters, welches nun seinerseits die Produktion von Botenstoffen zur Aktivierung der für die bevorstehende Aktion erforderlichen Zellen veranlasst. Eine Kopplung der Signale einzelner Sensoren mit festgelegten Verhaltensmustern ist unter anderem für Insekten und Krebse typisch. Sie ist genetisch fixiert und für alle Tiere einer Art gleich oder uniform. Wie ist das aber mit der Bewegung dieser Tiere? Basiert sie ebenfalls auf festgelegten Mustern? Wenn eine Ameise den Weg zurück zu ihrem Volk sucht, zum Beispiel weil das gefundene Blatt abgeliefert werden soll, dann folgt sie einem fest verankerten Verhaltensmuster. In ihren Bewegungen, ihrem Lauf durch den Wald muss sie aber sehr wohl die konkreten Gegebenheiten des Weges berücksichtigen. Vielleicht muss sie über einen Zweig klettern oder eine abschüssige Stelle überwinden. Das Verhaltensmuster, Blatt nach Hause bringen, wird also mit kleinteiligen Bewegungsmustern für jeden Abschnitt der Gesamtbewegung untersetzt. Natürlich müssen die Bausteine der Gesamtbewegung ebenfalls in neuronalen Netzen angelegt sein, deren jeweilige Kombination jedoch in Anpassung an die konkrete Situation erfolgt. Mit anderen Worten, Zielgebung (Verhaltensmuster) und Ausführung (Bewegungsmuster) basieren auf getrennt voneinander existierenden neuronalen Strukturen, die im Laufe der Entwicklung auch in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns konzentriert wurden.

zuletzt geändert: 29.05.2016

Quelle Artikelbild: Reitender Bote nach A. Dürer, gefunden: de.academic.ru