Exposé

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Albert Einstein soll diesen Satz im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise geäußert haben. Er hat sicher auch für andere Bereiche des Lebens wie auch der Wissenschaften Gültigkeit. Das gilt nicht zuletzt für die Physik selbst, deren Theoriengebäude nicht so recht stimmig ist. Man hat den Eindruck, jedes Teilgebiet der Physik erschafft eigene Theorien, ohne dabei viel Rücksicht auf andere Teilgebiete und deren Theorien zu nehmen. Besonders fällt dies beim Begriff der Kräfte auf. Die Atomphysiker haben viel Zeit und Geld investiert, um ihre Idee der Kräfte, als durch (virtuelle) Teilchen vermittelte Phänomene, zu untermauern. Diese Theorien passen jedoch nicht so recht mit dem Theoriengebäude der Astrophysiker zusammen, in dem die Gravitationskraft eine dominierende Rolle spielt. Die Gravitationskraft weigert sich standhaft, mit den atomaren Kräften in einen Topf geworfen zu werden. Die Astrophysiker wiederum können nicht wirklich plausibel machen, warum in ihren Theorien, im Gegensatz zur Atomphysik, nur eine anziehende Kraft wirken soll, die kein auseinandertreibendes Pendant besitzt. Gar nicht zu reden von der Vielzahl der Kräfte, die durch die Mechanik und andere Teilgebiete der Physik schwirren. Hier macht sich kaum jemand die Mühe zu erklären, was Kräfte eigentlich sind und woraus sie ihre Wirkung beziehen.

Die heutige Naturwissenschaft ist maßgeblich von den Prämissen des Positivismus geprägt, deren Grundüberzeugung besagt, dass nur das, was nachprüfbar mithin messbar ist, auch als relevant angesehen werden kann. Was nicht messbar ist, kann nicht Gegenstand von Wissenschaft sein. Dieses Herangehen machte den Weg zu großen Fortschritten in den Wissenschaften frei, da in der vorangegangenen Periode oftmals wilde Spekulationen als Wissenschaft ausgegeben worden waren. Konsequenz dieses Denkens ist, dass Erscheinungen, die nicht messbar sind, als nicht existent betrachtet werden. Einstein war zum Beispiel zu der Überzeugung gelangt, dass es keinen Äther, wie es bisher angenommen worden war, geben kann. Der Äther sollte aber, nach den damals herrschenden Theorien, die Basis sein, auf die sich die absolute Geschwindigkeit des Lichts bezog. Wenn es keinen Äther gab, dann gab es auch keine Basis für die Bestimmung einer absoluten Geschwindigkeit des Lichts. Sie wäre schlicht nicht messbar. Da sie nicht messbar ist, so die Schlussfolgerung, ist sie nicht relevant, mithin nicht existent. Wenn es jedoch keine absolute Geschwindigkeit des Lichts gibt, dann muss sich die Aussage, dass die Lichtgeschwindigkeit im leeren Raum die höchste in der Natur vorkommende Geschwindigkeit sei, auf die relativen Geschwindigkeiten des Lichts beziehen, und zwar auf alle relativen Geschwindigkeiten des Lichts gleichermaßen. Dieser Gedanke wurde zum Ausgangspunkt der speziellen Relativitätstheorie. Auch Heisenberg hatte ein mit dem Messen verbundenes Phänomen ausgemacht und dieses mit seiner Unschärferelation in eine mathematische Form gegossen. Aus den Grenzen der Messbarkeit wurde in den Theorien der Physiker jedoch bald eine Unschärfe der Natur selbst.

Darf man aber wirklich das, was nicht bestimmt werden kann, als nicht existent ansehen? Physiker, die sich mehr mit den alltäglichen Problemen auf Erden herumschlagen, gehen eher pragmatisch an diese Frage heran. So ist der errechnete absolute Nullpunkt fester Bestandteil der Wissenschaft, obwohl er nie gemessen wurde, denn er stellt einen nicht erreichbaren Grenzwert dar. In der Geometrie und ihren praktischen Anwendungen wird ganz selbstverständlich die Zahl Pi benutzt, obwohl niemand ihre genaue Größe kennt. Sie lässt sich offensichtlich nicht mit letzter Genauigkeit ermitteln. Der zur Verfügung stehende Näherungswert reicht allerdings für alle irdischen Belange aus. Das heißt, obwohl die genaue Größe der Zahl nicht bestimmt werden kann, zweifelt niemand an ihrer Existenz. Letztlich gilt ähnliches für alle Messungen, denn deren Genauigkeit ist immer und in jedem Fall begrenzt. Trotzdem würde wohl niemand auf den Gedanken kommen, dass die Länge eines Werkstücks unbestimmt oder unscharf sei, weil wir sie nicht mit endlicher Genauigkeit bestimmen können.

Was ist nun richtig? Ist tatsächlich alles, was nicht messbar ist, nicht existent? Sind die Grenzen der Genauigkeit des Messens tatsächlich auch Unschärfen der Natur? Vielleicht spiegeln sich in diesen Fragen auch nur die Grenzen des positivistischen Denkens wider. Eine andere Sicht der Dinge könnte womöglich weiterhelfen. Eine solche andere Denkweise ist die Dialektik. Sie betrachtet Gegensätze, wie absolute und relative Geschwindigkeiten oder Genauigkeit und Unschärfe, nicht nur als sich ausschließend sondern auch als zusammengehörend, sich einander bedingend und ineinander übergehend. Von den alten Griechen entwickelt, fand die Dialektik in der Neuzeit nur selten zu wirklicher Blüte. Auf die Naturwissenschaften hatte sie kaum Einfluss. Hinzu kam, dass Dialektik in Zeiten des Kalten Krieges zum politischen Kampfbegriff wurde. Nach meiner Überzeugung bietet sie jedoch das Potential, um mit einer etwas anderen Sicht der Dinge die Brüche und offenen Fragen anzugehen.

Alles, was wir wissen, haben wir gesehen, gerochen, geschmeckt, gehört, ertastet oder sonstwie über unsere Sinne erfahren. Die Wahrnehmungen der Sinne sind unser Schlüssel zu der uns umgebenden Welt. Aber, was nehmen wir eigentlich wahr und wie wahr sind unsere Wahrnehmungen? Diese Fragen stehen am Anfang des Buches. Bei den Überlegungen zu unseren Wahrnehmungen wird klar, dass sie zwar in der einen oder anderen Weise die Realität widerspiegeln, dass sie aber nicht mit der Reaslität identisch sind. Anders gesagt, hell und dunkel, Farben, Gerüche, Geräusche oder Geschmack sind spezifische Formen, mit denen uns das Gehirn Informationen über die Umwelt bereitstellt, die Umwelt selbst ist aber weden farbig, noch hell oder voller Gerüche. Sie besteht, wenn man von allen Besonderheiten abstrahiert, aus Strukturen und Bewegungen, die als Masse und Energie in Erscheinung treten. Nicht mehr und nicht weniger.

Strukturen stehen für Stabilität und Bewegungen für Veränderung. Das heißt, sie sind grundlegend verschieden. Trotzdem wird jede Untersuchung eines konkreten Sachverhalts zeigen, dass es keine Struktur gibt, die nicht durch Bewegungen gekennzeichnet wäre, wie auch jede Bewegung eine Struktur voraussetzt, die sich bewegen kann. Das eine existiert nicht ohne das andere. Mehr noch, der Aufbau einer Struktur bestimmt maßgeblich die Art und Weise ihrer Bewegung. Gleichzeitig werden mit den Bewegungen die Strukturen verändert. Dieser hier verkürzt dargestellte dialektische Zusammenhang ist der Ausgangspunkt für die Überlegungen zu dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. An diesen zweitenTeil, der sich mit Grundfragen der Physik beschäftigt, schließen sich Überlegungen zur Entstehung und Entwicklung des Lebens an. Hier wird das Augenmerk vor allem auf den Zusammenhang zwischen der Entwicklung von physischen Fähigkeiten und Fortschritten bei der Gewinnung und Verarbeitung von Informationen gerichtet. Den Abschluss bilden Überlegungen zur Geschichte der Menschen und ihrer Gesellschaften. Dabei steht weniger eine detailreiche Darstellung als vielmehr die Herausarbeitung ihres „roten Fadens“ im Mittelpunkt.

Die Untersuchungen über Zusammenhänge in Natur und Gesellschaft ermöglicht Rückschlüsse und Verallgemeinerungen, die zu einer Weiterentwicklung des dialektischen Denkens beitragen können. Deshalb waren in dieser Arbeit zwei Stränge zu verfolgen, zum einen die Anwendung des dialektischen Denkens auf die Zusammenhänge in Natur und Gesellschaft, und zum anderen, die Erläuterung und Weiterentwicklung der dialektischen Methode selbst. Obwohl beide ineinander greifen, werden sie in zwei gesonderten Teilen dargestellt, um den inhaltlichen Zusammenhang der unterschiedlichen Fragestellungen nicht zu unterbrechen.

 

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